baldeggerjournal

Zwei Momente – ein Weg Zwischen diesen beiden Momenten – dem eiligen Aufbruch und der erhofften Ankunft – öffnet sich ein Weg. Menschen machen sich auf und hoffen, dass ihre Bewegung auf ein Gegenüber trifft, das sich ihnen zuwendet. Diese Hoffnung haben die 10 Aussätzigen, von denen das Evangelium des 14. Sonntags nach Trinitatis berichtet. Im Duett einer Kantate, geschrieben 1724 für diesen Sonntag, setzt Bach ihren Weg in Musik um und macht hörbar, dass Veränderung dort geschieht, wo man sich auf den Weg macht. «Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten o Jesus zu dir!» Aufbrechen und Ankommen – Ausgangspunkt und Ziel! Keine Orte, sondern Hoffnung und Begegnung! «Wir eilen …», ein Eilen, nicht aus Angst, sondern aus Erwartung. Sr. Renata Geiger Cantate domino Das Duett ist ein Weg-Stück. Schon das instrumentale Ritornell am Anfang weist darauf hin. Die durchgehenden Achtelnoten im Bass treiben unablässig voran. Das Ziel bleibt im Blick. Darüber beginnen Sopran und Alt ihren Dialog. Zwei Stimmen auf demselben Weg, die sich gegenseitig antreiben. Aber immer wieder gibt es auch Ruhepunkte. Jede Kadenz ist schon ein Blick auf das Ankommen und jede neue Imitation ist wieder ein Aufbruch. Der Weg geht weiter. Während das Eilen am Anfang fast atemlos wirkt, findet die Musik im Mittelteil zu einer grösseren Ruhe, auch wenn die Bassstimme weitereilt. «Du suchest die Kranken und Irrenden treulich» Hier wird Bezug genommen zum Evangelium von den zehn Aussätzigen. Die Perspektive verschiebt sich. Jetzt steht nicht mehr das menschliche Eilen im Zentrum, sondern das Gesuchtwerden. Bei «Kranken» und «Irrenden» verlässt Bach die tonale Sicherheit, setzt Dissonanzen. Klanglich wird hier etwas spürbar von Leid und Verlorenheit. Aber jetzt kommt die Initiative von einer anderen Seite – Suchende werden zu Gesuchten. Darum wagen sie zu bitten: «Ach, höre …» Auf das «Ach» folgt eine lange Pause. Bleibt dem Rufer die Luft weg nach dem Eilen oder verstummt er vor Ehrfurcht? Ich weiss es nicht. Vielleicht ist die Pause hier die musikalische Darstellung von Hoffnung und banger Erwartung. Denn nachher folgt die Bitte «höre!». Das barocke Seufzermotiv – kleine, abwärtsführende Sekunden – lässt Schmerz hörbar werden. Dissonanzen verzögern die Auflösung. Dann nochmals eine lange Pause – Musik als Fragen und Warten! «Es sei uns dein gnädiges Antlitz erfreulich» Das Rufen hat sich gelohnt. Die Klangfarbe ändert sich. Die Musik wird heller und bewegter. Sopran und Alt singen gemeinsam in Terz- und Sextabständen, Intervalle, die Freude und Harmonie ausdrücken. Das Motiv vom Anfang wiederholt sich. Aber es ist kein "Hintereinanderherlaufen" mehr wie zu Beginn. Die Bewegung ist zur Ruhe gekommen. Sie hat ihr Ziel erreicht, die Begegnung mit dem, der Heilung verspricht. Aufbrechen und ankommen – Hoffnung und Begegnung. Dazwischen der Weg. Heil geschieht im Gehen. Und Ankommen ist nicht Abschluss, sondern Beziehung, die neues Leben ermöglicht. Das Duett aus Bachs Kantate Nr.78 «Jesu, der du meine Seele» ist auf Youtube zu hören. 16

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=