baldeggerjournal

Glauben & Beten Wann bist du ins Kloster eingetreten – und warum? Weil ich den Ruf Gottes vernommen habe, der mich in diese franziskanische Gemeinschaft führte. Wo bist du daheim? Dort, wo ich gerade lebe. Ich habe die glückliche Natur, mich überall wohl zu fühlen; gleichzeitig bin ich überall in der Fremde. Unsere Heimat ist im Himmel. Ein Erlebnis aus der Kinder- oder Jugendzeit, das dich prägte? Die morgendlichen Adventsfeiern bei unserem reformierten Lehrer von der 4. – 6. Klasse. Während die Mädchen in der Handarbeitsschule waren, gingen die Knaben mit dem Lehrer in den Wald, um Äste zu holen und um diese zu einem grossen Kranz zu binden. Im Werken formten wir die Krippenfiguren: Maria, Josef, das Kind in der Krippe, aber auch Schafe, Hirten, Kamele, die drei Weisen … Der Kranz hatte 4 grosse und dazwischen je 6 kleine Kerzen. Jeden Morgen verdunkelten wir das Schulzimmer, zündeten jeden Tag eine Kerze mehr an, sangen Adventslieder, hörten eine Geschichte oder rezitierten ein Gedicht und stellten eine modellierte Figur mehr in den Kranz. Die Stimmung in dieser Zeit war ganz besonders, festlich. Wer ist dir Vorbild? Zuerst die Eltern, dann einzelne Eigenschaften verschiedenster Menschen. Anregungen kommen auch aus Büchern, Filmen. Wer lehrte dich glauben? Glauben ist ein Geschenk, das ich zuerst von den Eltern erhielt. Er vertieft sich durch das Gebet, wird im Alltag geprüft, gerüttelt, bis er sich zum Dialog mit dem unfassbaren Gott entfaltet, der sich auf unzählige Weisen kund tut. Welche Farbe hat dein Glaube? Alle Farben: Sehe ich einen blühenden Apfelbaum, leuchtet er weiss, zart rosa; denke ich an den Gazastreifen, verdunkelt er sich, wird er schwer, aufrüttelnd, fordernd. Dazwischen sind die unzählbaren Erlebnisse, Ereignisse in allen Farben. Was bedeutet dir glauben? Leben aus der Tiefe, aus der grösseren, umfassenderen Wirklichkeit des Universums, zu dem das Unsichtbare, das den Menschen Übersteigende gehört. Was liegt hinter dem Urknall? Wer ist Gott für dich? Das Mysterium des Dreifaltigen Gottes, der Schöpfer des Universums, des Menschen, der unendlich Liebende, das Haupt des Leibes Christi, dessen Glieder wir sind (vgl. Epheser 1,10). Dieses Bild, das auf eine umfassende Einheit hinweist, beschäftigt mich immer mehr. Eine konkrete Erfahrung Gottes Ein schwerer Autounfall, bei dem weder Schülerinnen noch ich zu Schaden kamen. Dank dieses Unfalls entdeckte ein Arzt die Ursache meiner Rückenschmerzen, die bei früheren Untersuchungen nicht erkannt wurden. Gibt es auch Zweifel? In unserer kriegsverschonten Schweiz sehe ich eher andere Angriffe, sei es Bequemlichkeit, Trägheit, Vergnügungssucht, Oberflächlichkeit. Wie betest du? Oft mit Worten (Chorgebet und andere Gebete), aber auch im schweigenden Dasein vor Gott. Sonst bin ich da und versuche, richtig zu leben bei der Arbeit und in der Freizeit. So wird das Leben zum Gebet. Welches Wort aus der Bibel oder welches Gebet begleitet dich durch das Leben? Dein Wille geschehe: Der Wille Gottes und mein Wille möchten eine Einheit bilden wie die Violinspielerin und die Geige. Sein Wille zeigt sich in der Menschwerdung Gottes. Jesus Christus ist DER MENSCH. Wir alle sind erst auf dem Weg, Mensch zu werden, wie Gott ihn gedacht hat. An Weihnachten haben wir früher den Satz des Credos «Et incarnatus est… et homo factus est» vierstimmig gesungen. Dies war immer ein ergreifender Moment. Zwei Dinge, die du den Menschen sagen möchtest Lebe dein Leben aus der Tiefe, denn jede Person hat eine einmalige Aufgabe, die nur sie erfüllen kann. Vertraue darauf, dass Gott und die Menschen dir dabei helfen. Sr. Hildegund Kunz, 1942, zusammen mit neun Geschwistern im Toggenburg aufgewachsen. Nach der Primarlehrerinnenausbildung und der Profess 1963 im Kloster Baldegg folgten Studium und Doktorat in Fribourg und Zürich. Während ihrer 38-jährigen Lehrtätigkeit am Seminar Baldegg erweiterte sie ihr Wissen mit Weiterbildungen in Afrika, Israel und in Tschechien. Von 2005 setzte sie sich im Studentinnenfoyer Salve Regina in Bourguillon ein, ab 2021 im Bildungshaus in Hertenstein, seit 2024 ist sie zurück im Mutterhaus des Klosters. 17

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