Ein Aufbruch zu den franziskanischen Wurzeln Franz von Assisi kennen viele. Auch ich «kannte» ihn, bin ich doch in eine Gemeinschaft eingetreten, deren Lebensweisungen auf der Regel des Heiligen von Assisi gründen. Doch was heisst kennen? Die Ordensausbildung führte in die franziskanische Spiritualität ein und im Lauf der Jahre haben Lektüre, franziskanische Feste und gelebter Alltag diesen Geist wachgehalten. Doch ich spürte eine Sehnsucht nach mehr. Interessiert höre ich von Online-Vorlesungen des Kapuzinerbruders Niklaus Kuster und melde mich an. Ich tauche ein in das Leben des Franziskus und lerne viel Neues anhand von Quellentexten. Ich werde mitgenommen in die mittelalterliche Lebenswelt des Heiligen, höre von seinem Suchen und Unterwegssein in der Nachfolge des Evangeliums. Ich werde eingeführt in die Tiefe und Weisheit seiner Schriften und in die Poesie seines Sonnengesanges. Br. Niklaus erschliesst uns eine Spiritualität, die bis heute fasziniert: Frieden bringen, alle Menschen als Geschwister verstehen, Andersgläubige achten, der ganzen Schöpfung mit Ehrfurcht begegnen, eine einfache, solidarische Lebensweise pflegen und aus den Quellen des Evangeliums leben. Durch die Vorlesungen bin ich zu einer interessierten und begeisterten Franziskus-Schülerin geworden. Deshalb hat mich die Einladung von Bruder Niklaus zu einer Studienreise nach Assisi sehr gefreut. In der Frühe des Ostermontags bin ich aufgebrochen und treffe in Assisi eine buntgemischte Gruppe. Br. Niklaus Kuster und Sarah Elisa Kreutzer führen uns durch diese Tage. Ich begegne den Orten, wo Franziskus seinen Lebenssinn suchte, Krisen durchlitt, draussen vor der Stadt die Stille entdeckte und Christus begegnete. Eindrücklich erlebt habe ich die Wege, die wir durch die Landschaft gewandert sind. Wir haben die Orte aufgesucht, die klein und einfach ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben und noch von Franziskus erzählen. Kennengelernt habe ich auch das mittelalterliche Gottesbild, mit dem Franziskus aufgewachsen ist: Gott als thronender Weltenherrscher, abgebildet im Türsturz von San Rufino, dem Dom von Assisi. Doch der suchende, junge Franz begegnete in einer zerfallenen Kirche einem ganz anderen Gott – einem Gott auf Augenhöhe. Unerwartet wird mir die Begegnung mit Klara geschenkt. Franziskus und Klara gehören zusammen, Im mittelalterlichen Assisi spüren wir Klaras Leben als junge Adelige nach. Ich lerne eine starke Frau kennen, die allein ihrer Sehnsucht folgt, aus der Stadt flüchtet und unerschrocken ihren Weg geht. Auch Klaras Wege sind wir gegangen. Das Gehen ihres Weges hat mich etwas von ihrer Entschiedenheit und ihrem Mut erspüren lassen. Mit den Vorlesungen bin ich innerlich aufgebrochen, die franziskanische Spiritualität zu vertiefen. Mit der Reise nach Assisi durfte ich Franziskus und Klara unmittelbar begegnen. Mit noch mehr Freude und Interesse folge ich nun ihren Spuren - um wie sie - den menschgewordenen, armen Christus tiefer zu entdecken. Sr. Rahel Künzli 15
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