Zwei Bilder – ein Leben 19 Kürzlich sagte jemand zu mir: «Du siehst schon 50 Jahre gleich aus.» So ist es. Bei diesem Foto erinnere ich mich nur an den Pullover. Den trug ich nämlich im Sommer und Winter, man konnte die Ärmel abnehmen. Wir waren sechs Kinder, ich war an zweiter Stelle. Wahrscheinlich war ich etwa fünf Jahre alt, als mich Mutter bereits jeden Tag in die Kirche schickte, um für die Familie «go bäte», wie sie als Schwyzerin sagte. Für die Familie beten war ihr wichtig. Das mache ich übrigens noch heute. So marschierte ich kleiner Knopf zuvorderst in die Kirche, kniete in die erste Bank, hinter mir waren nur ein paar Frauen. Wir hatten eine schöne Jugend, Dädi und Muetti haben oft mit uns «de Lappi g’macht». Vater hatte auch immer einen Spruch bereit. Wenn wir klagten, dass wir alle eher klein von Statur seien und deshalb beim Antreten im Turnen immer am Schwanz seien, stärkte er unser Selbstvertrauen mit dem Spruch «die Chliine sind so gross wie die Guete». Warum ich auf die Idee kam, Krankenschwester zu werden, weiss ich beim besten Willen nicht. In der ersten Sekundarschule mussten wir einmal mit jemandem ein Interview führen. Da ich nichts über den Beruf der Krankenschwester wusste, ging ich schnurstracks ins Spital Wädenswil hinauf. Dort habe ich der Oberschwester gesagt, ich möchte ihr Fragen zum Beruf der Krankenschwester stellen. Der Lehrer wollte aber, dass ich Lehrerin werde. Vater musste dann zweimal deswegen zu ihm. Aber ich wollte das einfach nicht. Dädi sagte zum Lehrer: «Ich kann nichts machen mit dem Meitli, es will einfach nicht.» So besuchte ich halt die Haushaltungsschule in Dussnang, putzte und kochte nachher in der landwirtschaftlichen Schule und ging ein Jahr ins Welschland. Dann sagte Mueti, eine Baldegger Schwester von Hurden habe schon zweimal telefoniert, sie suche eine Angestellte. Ich war da etwa 17-jährig, und so gingen wir am Sonntagnachmittag mit der halben Familie nach Hurden. Als wir das Behindertenheim besichtigten und ich dort eine wirklich schwerstbehinderte invalide Frau sah, dachte ich: «Nein, das kann ich nie!» Aber Sr. Anna Eschmann sieht immer gleich aus ich hatte nicht den Mut zu sagen, ich komme nicht. Die nächsten zwei Monate litt ich richtig und hoffte, dass irgendetwas passiert, damit ich nicht nach Hurden gehen müsse. Aber als ich dort war, fühlte ich mich sofort daheim. Wenn ich heute jeweils zur Stiftungsratssitzung nach Hurden fahre, staune ich immer wieder, dass Felix und Heidi, die schon vor 60 Jahren dort waren, noch immer in Hurden leben. In Hurden entschied ich mich, ins Kloster Baldegg einzutreten. Ich war zwar erst 19-jährig. Nach der Profess durfte ich dann in Sursee die Krankenschwesternschule besuchen. Und kaum hatte ich das Diplom, stand ich wieder vor der Frage, Lehrerin zu werden oder am Krankenbett zu arbeiten. Weil ich ja Profess abgelegt hatte, dachte ich, ich müsse nun gehorchen und nicht mehr wie in der Sekundarschule sagen: «Das will ich nicht.» So machte ich halt in Zürich die Kaderschule und verschiedene Schulpraktika. Und dann ging’s in Sursee los: dreissig Jahre lang, jedes Jahr zweimal, hatten wir mit je einer Klasse von 20 bis 30 Schülerinnen neu gestartet. Das gibt eine schöne Anzahl! Wenn ich heute im Spital Sursee oder Luzern bin, treffe ich immer auf ehemalige Schülerinnen. Sogar im Medizinischen Zentrum in Hochdorf arbeiten zwei. Das freut mich immer sehr. Dann fallen mir Episoden mit den Schülerinnen ein: Wie sie mir beispielsweise treuherzig erzählten, sie hätten – nachdem ich einigen wegen einer Erkältung einen Leinsamenwickel machte – nachher diesen Brei gegessen, weil ich im Unterricht doch gesagt hätte, Leinsamen seien auch gut zum Abführen. Oder wie mir eine Schülerin entgegensprang und rief, die WC’s seien verstopft. Denn sie hätten nach dem Unterricht das «Einläufe machen» gleich aneinander geübt. Um die Hygiene besorgt, wollte ich wissen, wo sie denn die vielen Darmrohre genommen hätten. «Ja, die haben wir einfach ein wenig gewaschen und dann wieder benützt!» Einmal, als wir nach einer Feier am Aufräumen waren, schlichen die jüngsten Schülerinnen im Pyjama in die Küche und fragten uns ganz «schüüch», ob sie die Resten essen dürften. Da wusste ich, dass die Schülerinnen sich doch ein wenig wie daheim fühlten. Und wie oft lachte ich laut beim Korrigieren der Prüfungen, wenn Schülerinnen wiederholten, was sie etwa von uns Lehrpersonen gehört hatten. So stand als Antwort unter einer Prüfungsfrage: «Das müssen Sie den lieben Gott fragen!» Vor zwanzig Jahren wurde mir die Leitung unseres Pflegeheims in Baldegg übertragen. Da kam erneut eine intensive Zeit mit vielen Umstellungen und Reorganisationen auf mich zu. Mit dem Ambulatorium, das ich nun seit einigen Jahren klosterintern führe, bin ich eigentlich wieder dort angelangt, wo ich begonnen habe, nämlich als Krankenschwester. Und das macht mir enorm viel Freude. mrz
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