«Beim nächsten Ton ist es genau: 9 Uhr 32 Minuten 13 Sekunden! Bling!» Solche Zeitansagen sind für uns selbstverständlich geworden. Und doch drückt sich in ihnen etwas aus, das erst allmählich bewusst geworden ist: Zeit als ein gleichmässig fliessender Strom, von der Vergangenheit in die Zukunft. Er lässt sich unterteilen in Jahre, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden. Noch jede tausendstel Sekunde ist genau definiert und alle sind gleich. Keine Zeiteinheit ist gegenüber den anderen herausgehoben. Keine hat eine besondere Stimmung. Stunde ist Stunde. Mit solch einer berechenbaren Zeitvorstellung lässt sich gut arbeiten. Aber kann man damit auch leben? Für unser menschliches Empfinden ist Zeit keineswegs immer ein Strom. Es gibt bestimmte regelmässig wiederkehrende Ereignisse, die uns eher ein kreis- oder spiralförmiges Bild der Zeit vor Augen stellen. Wenn ich nämlich meine berechenbare Zeitvorstellung loslasse, kann ich mich einlassen in Gottes Zeit. Spätestens seit dem 4. Jahrhundert haben die Christen begonnen, die natürliche Abfolge der Zeit bewusst in die kirchliche Lebensordnung einzubeziehen. Und so ist ein kirchlicher Festkalender entstanden, in dem sich die Zyklen des natürlichen Jahreskreises mit den geistigen Inhalten des Christentums zu einer organischen und sinnvollen Einheit verbunden haben – zum Kirchenjahr. Wir sprechen davon, dass wir durch das Kirchenjahr gehen, also einen Weg zurücklegen, der uns an verschiedenen Stationen entlangführt. Es ist unser Lebensweg, wenn das Leben Jesu exemplarische Bedeutung für unser Menschsein hat. Der Weg geht geradeaus, in der Regel auf ein Ziel hin. Sein Bild ist die gerade Linie. Aber das Kirchenjahr ist ja auch ein Kreis: Es wiederholt sich Jahr für Jahr. Die Wiederkehr des Gleichen aber ist nur scheinbar dieselbe. Wir sind in diesem Jahr nicht mehr die Gleichen wie im zurückliegenden, als wir Advent feierten. So könnte man für das eigenartige Ineinander von Linie und Kreis das Bild der Spirale wählen – und das trifft es wirklich: Die Windungen der Spirale bilden die Kreisbewegung ab. Den Weg erkennen wir in der fortschreitenden Höher- oder Tieferentwicklung. Der Weg ist ein eindrückliches Bild für unser Unterwegssein auf ein – geahntes oder erwünschtes – Ziel hin. Doch er ist selten gerade. Er hat im Gegenteil viele Windungen und Steigungen. Doch im Bild der Spirale bleibt die Verheissung, weil ihr Ende immer zugleich auch ein Anfang ist. Wenn wir die Feste des Kirchenjahres feiern, dann lassen wir unsere berechenbare Zeitvorstellung los und lassen uns ein auf Gottes Zeit. So fällt Gottes Zeit (seine Ewigkeit) hinein in unsere menschliche Zeit. Etwas von Gottes Ewigkeit wird für uns erfahrbar und damit wird auch eine Sehnsucht geweckt nach dieser Zeit, denn sie unterscheidet sich von unserer Alltagszeit. Zwar steht Gott ausserhalb von Raum und Zeit. Aber in der Menschwerdung hat er seine Zeitlosigkeit losgelassen und sich eingelassen in unsere Zeit, in unseren Raum und so unsere Zeit zu einer Zeit des Heils gemacht. Das Kirchenjahr ist das alljährlich wiederkehrende Feiern dieser Begegnung von Gott und Mensch in der Zeit. Es ist vor allem aber Frohbotschaft. Die Botschaft, dass die Suche nicht ins Leere geht, sondern zur wahrhaften Begegnung geworden ist. Denn Gott, so sagt unser Glaube, hat sich selbst in die Zeit des Menschen eingelassen. Das Kirchenjahr ist die spirituelle und rituelle Reise, Gott in der Zeit des Menschen zu suchen und zu finden. Am Ende des Weges steht ein Anfang Sr. Renata Geiger, Baldegg Ein Zugang zum Kirchenjahr 10
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=