Zwei Bilder – ein Leben 19 Das war an meinem 50. Geburtstag im Altersheim Gontenbad im Appenzellerländli. Da wurde ich ganz gross gefeiert, ich war total überrascht. Sogar diese beiden Kinder haben sie aufgeboten, sie spielten mir mit der Handorgel und dem Hackbrett auf. Mit einer Rose in der Hand standen die Mitarbeitenden Spalier. Ich war damals Heimleiterin in Gontenbad, es war eine wunderbare Zeit. Ich habe ja in verschiedenen Heimen gearbeitet, in Hurden und in Wangen bei Olten, in der Waldruh in Willisau, im Chlotisberg und in Hitzkirch, in Baldegg und in Zürich. Schön war es überall, aber am besten gefallen hat es mir schon in Gontenbad. Ich weiss selber nicht recht warum. Die Appenzeller waren so einfache und urchige Leute, wir konnten Festli feiern, sie freuten sich an ihrem Tobakpfiffli und Schöppeli, und ich mich an ihrem Dialekt. Wir sieben Schwestern wohnten mitten unter ihnen, Tag und Nacht. Sr. Marie-Rose und ich waren als Krankenschwestern auch für die Nachtwache da, eine Woche sie, eine Woche ich. So war das damals. Das ginge heute auch nicht mehr. Ich habe heute noch Kontakt mit einigen Frauen von Gontenbad, die dort arbeiteten. Zum Heim gehörte auch das Moorbad, die Leute reisten sogar von St. Gallen her, um darin zu baden. Das Wasser kam heiss aus der Quelle. Aus getrocknetem Farn machten unsere Frauen einen braunen Sud, das Badewasser war dann nüd grad amächelig, richtig bru. Nach dem Baden kam man aber nicht etwa braun heraus! Das Moorbad wirkte sehr gut gegen Gicht und anderes mehr. Heute ist das alles vorbei. Als wir Schwestern weg waren, modernisierten sie alles. Da wurden dann halt Rosenblätter ins Wasser gelegt und anderen Schnickschnack. Das Baden wurde so teuer, dass der Betrieb eingestellt werden musste. Schade! Zu unserer Zeit haben halt die Frauen und Männer das alles fast gratis gemacht. Ich war immer gerne bei den alten Leuten in den verschiedenen Heimen. Mein letzter Einsatz als Heimleiterin war im Haus St. Otmar in Zürich. Die Stadt Züri gefiel mir halt schon extrem gut. Sogar mit dem Auto, auch wenn ich manchmal nicht mehr wusste, wo durre fahre. Es war einfach köstlich, irgendwie fand ich den Heimweg immer wieder. Von Züri kam ich nach Hertenstein und bin jetzt schon 18 Jahre hier. Ich durfte den Service für die Gäste übernehmen, das hat mir gut gefallen. Mit der Zeit kannte ich viele Gäste, die immer wieder kamen. Wenn ich einmal nicht hier war, sagten die Angestellten nachher, die Gäste hätten gefragt: «Wo ist Sr. Irenäa?», und wenn sie dann das nächste Mal kamen, sagten sie: «Wir haben Sie vermisst.» Ich fand das immer schön. Jetzt helfe ich eher im Hintergrund mit. Ich finde, man muss im Alter einfach loslassen können. Unsere Angestellten machen den Service nämlich gut. Dass ich einmal ins Kloster gehe, wusste ich schon in der fünften Klasse. Ich schwärmte nämlich für unsere Lehrerin, eine Menzinger Kandidatin. Nach der Schule half ich dann ein Jahr daheim Kühe putzen, heuen, misten, einfach überall. Als ich nachher in Zürich in der Pension am Zenderweg 9 im Haushalt war, schenkten mir zwei Frauen ab und zu einen Fünfliber und sagten: «Geh doch ins Kino!» Das machte ich natürlich. Ich war ja so stolz, als Landei in der grossen Stadt Zürich herumzuschwanzen. Wenn ich dann so Heimatfilme und Liebesfilme sah, dachte ich: «Ja, heiraten, das wäre auch etwas für mich.» Aber jedesmal, wenn ich nach dem Kino heimging und an der Liebfrauenkirche vorbeikam, musste ich einfach hinein. Dann war es wieder klar: du gehst ins Kloster. Mein Däddy und mein Mueti brachten mich ins Kloster. Ich wollte schon am Morgen früh gehen, so einen Drang hatte ich, endlich zu sehen, wie es im Kloster ist. Däddy sagte: «Ich stell dr’Kafi ad’Wärmi is Oferohr, wänn’s dr’nüd gfallt, chunsch einfach wieder hei.» Ich habe es nie bereut, dass ich geblieben bin. Ich würde den Weg wieder gehen. Und es wieder so machen. Ich hatte ein gutes Leben, ich durfte viel lernen, habe mit vielen Leuten Kontakt gehabt und bin überall ein zufriedener Mensch gewesen. Wenigstens beurteile ich es so. Ich bin einfach die, die ich bin, was ich nüd ha chönne, das chan i nüd, und s’andere hani chöne. Es ist wirklich ein Geschenk vom lieben Gott, so ein Naturell zu haben. Und dazu einen gesunden Menschenverstand, den hatte mein Vater schon. Sonst bin ich eher wie s’Mueti. Ich sage wie sie: «S’isch so rächt wie’s isch.» Das gilt auch für die Heime, in denen wir Baldegger Schwestern waren. So wie sie es jetzt machen, ist es auch recht, aber anders.. mrz Sr. Irenäa Elsener ist dankbar für ihr Naturell
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