15 angeregt. Die gängige Annahme, wir hätten in unserer Gesellschaft und Kultur ein allgemein akzeptiertes Menschenbild, entlarvte sich bald als Illusion. Im selben Zuge reifte die Einsicht, dass ohne ein verlässliches Verständnis vom Menschsein jede Bildungsarbeit früher oder später auf Abwege gerät. Einer dieser Abwege setzt Bildung mit Ausbildung gleich. Bilden kann der Mensch nur sich selbst, wenn auch nicht allein; ausbilden können ihn andere. Bildung und der Mensch sind Selbstzweck, dürfen also nicht als Mittel missbraucht werden. Gelingende Ausbildung setzt zwar Bildung voraus, ersetzt sie aber nicht. Ein anderer Abweg liegt im Veränderungsoptimismus unserer Zeit, als ob verändern allein schon Bildung wäre. Ich weiss doch aus Erfahrung: Erst wenn ich mir den Sinn und die Notwendigkeit von Veränderungen emotional aneigne, mich also affektiv treffen lasse, gerät das, was herausgebildet werden will und kann in Bewegung. Diese unverzichtbare Fähigkeit gilt es zu bewahren. Sie hält lebendig und hilft, sich selber treu zu sein – in allem Wandel. Das verlangt Wachheit und Mut. Im Wandel liegt immer Risiko – oder nicht? CB «Bewahren und Verändern», so heisst unsere Thematik. Zwischen diesen beiden Polen oszilliert auch Bildung. «Das haben wir immer so gemacht! Es hat sich bewährt. Was wollen wir ändern?» Solche Sätze kennt man und ihre Absender auch. Es sind die ewig Gestrigen, resistent gegen Wandel, immun gegen Kritik. Ihre Standardfloskeln gehören ins Repertoire der drei Todesgefahren: «Sicher sein, fertig sein, ganz genau wissen». Formuliert und ins Logbuch dieser ewig Gestrigen geschrieben hat sie Karl Schmid, Germanist, politischer Denker und ETH-Rektor. Alte Pfade öffnen keine neuen Türen. Doch «es gibt nicht nur die ewig Gestrigen, es gibt auch die ewig Morgigen», bemerkte spitzzüngig Erich Kästner. Damit nahm er wohl jene Kräfte aufs Korn, die das Neue unkritisch verherrlichen und das Alte mitleidig belächeln. Solch resolute Modernisierer und forsche Veränderer kennt auch die Schule. Das Neue wird zum Magnet ihres bildungspolitischen Denkens. Der pädagogische Kompass zielt in eine einzige Richtung: Innovation und Implementation von Neuem. Daran dachte ich beim Lesen deiner Gedanken. Ich folge der Spur und frage mich: Spielt in unserem heutigen Ausbildungssystem das, was man einst «Menschenbildung» oder auch «Persönlichkeitsbildung» nannte, überhaupt noch eine Rolle? Ist das, was Wilhelm von Humboldt als Aufgabe der Bildung beschreibt, heute noch umfassend gefragt, nämlich die Kultivierung seiner selbst? Oder geht es nur noch darum, jene überprüfbaren Qualifikationen zu schulen, die am Arbeitsmarkt gefragt sind – ganz im Sinne einer Ökonomisierung des Bildungswesens? Und warum soll sich gemäss Lehrplan 21 jedes schulisch vermittelte Wissen als ein Können kontrollieren lassen und anwendbar sein? Bildung wird heute mit Ausbildung gleichgesetzt, schreibst du und sprichst von Abwegen. Ja, es ist ein gefährlicher Trugschluss. Wir brauchen ein ethisch-kulturelles Orientierungswissen. Es soll unser Alltagshandeln leiten. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Doch wie erreichen wir das? HW Du sprichst mir aus dem Herzen. Um im Bildungswesen nicht beim blossen Verändern stecken zu bleiben, ist ein ethisch-kulturelles – und ich ergänze – religiöses Orientierungswissen notwendig. Ich habe diese meine Überzeugung schon in meinem Eingangstext erwähnt: Herausbilden des eigenen, uns geschenkten Potenzials ist und bleibt eine urreligiöse Aufgabe für jeden Menschen, auch für die Bildungsverantwortlichen. «Wie gelangen wir zum dafür notwendigen Orientierungswissen?», fragst du? Gewiss nicht mit «den ewig Gestrigen» und noch weniger mit «den ewig Morgigen». Aber es gibt sie, diese Typen und zwar nicht nur in Bildung und Politik, sondern bis hinein in Kirchen und Klöster. Das löst in mir nicht selten den frommen Seufzer aus: «Gott bewahre uns vor ihnen!» Aber was ist mit denen dazwischen, die wach, dynamisch und aufmerksam im Heute stehen? Die gibt es zum Glück auch! Und es sind nicht wenige. Sie machen nur wenig von sich reden, weil sie ihre Kräfte dem Wesentlichen, dem Bewährten unter neuen Bedingungen widmen, und das liegt bekanntlich nicht auf der Strasse und erntet wenig Applaus.
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=