19 Wir drei Schwestern aus Weinfelden «Da singt sie bereits», so sagten meine beiden älteren Schwestern jeweils, wenn wir dieses Foto anschauten. Und es stimmt: Singen tue ich mein Leben lang und fürs Leben gerne. Singen, Musizieren und Unterrichten wurden zu meiner beruflichen Aufgabe am Kindergärtnerinnenseminar. Heute noch kann ich mit der Orgel und dem Klavier den Schwestern Freude bereiten. Auf diesem Foto fehlen die drei jüngeren Geschwister, ich war da wohl kaum zwei Jahre alt. Aber ich erinnere mich gut, dass ich immer gerne die tollen Locken von Franz gehabt hätte. Wir drei Mädchen auf dem Foto leben alle seit mehr als einem halben Jahrhundert im Kloster Baldegg, hier nennt man uns etwa «d’Familie Baumgartner». Margrit, unsere Älteste wurde in Baldegg zu Sr. Felizia, aus mir, der Renata, wurde Sr. Claudia-Maria und aus Rosmarie Sr. Theres. Ich erinnere mich gut an die Reaktion meiner Mutter, als ich ihr sagte, dass ich auch ins Kloster gehe wie Margrit, die bereits in Baldegg war. Weinend sagte sie, sie werde mir dann die wollenen Strümpfe fürs Kloster schon stricken. Das rührte mich richtig. Unsere Eltern waren uns immer Vorbild. Heute frage ich mich manchmal, wie sie das finanziell geschafft haben, sieben Kindern Klavierunterricht und den Mädchen eine Ausbildung in Baldegg zu ermöglichen. Unser Vater arbeitete als Möbelschreiner, und um sich für die grosse Familie noch einen Zusatzstupf zu verdienen, war er auch Messmer. Daher gehörte die Kirche ganz selbstverständlich zu unserem Alltag: Am Montag halfen wir nach der Schule unserer Mutter die Kirche putzen und abstauben, am Freitag ebenso, und am Samstag und Sonntag hatte Vati in und um die Kirche immer zu tun – und wir somit auch. Von ihm haben wir viel gelernt über die kirchlichen Feiern, also warum man was macht im Gottesdienst, zum Beispiel in der Karwoche. Wir drei sind vom Charakter her sehr verschieden. Sr. Felizia ist die Überlegende, die Detailgenaue und Kunstliebende. Ich sage manchmal zu ihr: «Lass es jetzt doch gut sein». Sr. Theres ist eher die Stille und Zurückhaltende, sie ist immer besorgt um andere und will alles möglichst gut machen und ich – ja, ich bin die Impulsive. Schon als Kind habe ich manchen Ärger am Klavier mit Improvisieren abreagiert. Wir hatten es daheim immer schön miteinander, das ist so geblieben, auch im Kloster. Jetzt wo wir alle älter sind und mehr Zeit haben, treffen wir uns meist am Nachmittag um vier Uhr und erzählen einander, was jede so macht oder gerade erlebt hat. Sr. Felizia ist auch mit ihren 90 Jahren noch immer ein wenig im Stress. Das ist übrigens nichts Neues. Als Sr. Felizia die Schule Baldegg leitete, sah ich sie manchmal die ganze Woche nicht. Ich hätte sie schon gerne öfter gesehen, aber als Direktorin musste sie immer zuerst für die andern da sein. Später waren Sr. Felizia und ich zusammen im Kurhaus Oberwaid und anschliessend auch zusammen in Hertenstein, da hatten wir dann mehr Zeit füreinander. Sr. Theres war hingegen viele Jahre auswärts als Handarbeitslehrerin im Einsatz, in Kerns und in Horw, damals sahen wir uns selten in Baldegg. Als sie später an der Schule und im Pflegeheim wirkte, waren wir dann halt auswärts. Umso mehr schätzen wir es nun, dass wir drei miteinander im Kloster alt werden dürfen. Als unsere Eltern betagt waren, zügelten sie von Weinfelden nach Hochdorf ins Heim. So konnten wir drei sie häufig besuchen und sie bis zum Sterben begleiten. Sie hatten stets Heimweh nach Weinfelden. Heimweh müssen wir drei einmal nicht haben. Wir sind ja schon im Pflegeheim daheim. mrz Zwei Bilder – ein Leben
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