baldeggerjournal

8 Aufsteigen und Absteigen, hoch und runter, das Wortpaar weckt starke Assoziationen. Aufsteigen, das klingt zuerst einmal gut, denn man steigt (Karriere-)Leitern und Rangordnungen hoch. Hat man den Gipfel erklommen, wird man die Übersicht oder das Sagen haben und geniessen. Und sich auf dem Höhepunkt halten wollen. Absteigen hingegen ist eher Niederlage, (Reputations-)Verlust oder gar ein nicht geplanter Fall in Tiefen. In einer Wachstumsgesellschaft wie es die unsere ist, sind die Werte klar verteilt: Auf ist gut, Ab ist schlecht. Steigende Aktienkurse, Bruttosozialprodukt, Wohlstand, Löhne sind das Zeichen einer gedeihenden Gesellschaft wie sie aktuell auch in der Schweiz definiert ist. Fortschritt wird als Weg nach oben, als Aufsteigen gesehen. Die Kritik an diesem Modell ist bekannt: Sie kommt seit Jahrzehnten aus Kreisen, die sich Sorgen um die Grenzen des Wachstums machen und in den letzten Jahren insbesondere auch von der Klimajugend. Wir haben aber alle triftige Gründe, über das Wachstum mit seinen Konsequenzen wie steigendende Temperaturen und die zunehmende Häufigkeit von Naturkatastrophen mehr als nur besorgt zu sein. Denn dieses Mehr durch Wachstum bedeutet auch weniger: Das Aufsteigen der Wirtschaftskurven geht aktuell auch mit dem Absteigen der Biodiversität, der Insekten auf unseren Feldern oder der Vögel in unseren Wäldern einher. Und weniger kann hier mehr sein, denn sinkende Kurven bezüglich der Erderwärmung, des Stromverbrauchs, der Rodung der Regenwälder und unseres eigenen ökologischen Fussabdrucks sind die Voraussetzung, dass unsere Welt, wir und die Kinder von heute überleben werden. Ob das ein Absteigen ist? Denken wir an das Klosters Baldegg in den Begrifflichkeiten von Aufsteigen und Absteigen, könnte eine Geschichte schnell erzählt sein: Der Aufstieg der Baldegger Schwestern beginnt im 19. Jahrhundert als zuerst kleine und immer wieder bedrohte Ordensgemeinschaft, dann erfolgt ein grosses Wachstum des Ordens mit seinen Werken in Bildung, Sozialem und Pflege im 20. Jahrhundert, zu dem der internationale Aufstieg der Franziskanerinnen mit Klostergründungen in Afrika und Ozeanien kommt. An über 80 Orten in der Schweiz und im Ausland sind die Schwestern als globales Unternehmen aktiv. In den neunziger Jahren begann der Abstieg: Keine Eintritte von jungen Frauen mehr, Übergabe der Schulen und Spitäler an den Staat, Reduktion der Tätigkeiten der Schwestern ausserhalb des Klosters, kontinuierliches Schrumpfen der Anzahl der Baldegger Schwestern. Aufsteigen und Absteigen, Wachsen und das Schrumpfen, die aufsteigenden und die absteigenden Kurven sind jedoch nur ein Modell, die Entwicklung der Welt und die Zukunft zu denken und zu gestalten. Heute sind andere Modelle gefragt: Insbesondere sind dies die Kreislaufmodelle der «Circular Economy», die ganzheitlich und sorgsam mit den beschränkten Ressourcen der Welt umgehen, Produkte und Materialien im Umlauf erhalten und mit dem ganzheitlichen Denken ein Gleichgewicht zwischen Menschen und Welt anzielen. Das ist nicht nur gut für Umwelt, sondern macht langfristig auch wirtschaftlich Sinn. Die Baldegger Schwestern waren schon immer Spezialistinnen für dieses Kreislaufdenken der «Circular Economy» und den nachhaltigen Umgang mit der Natur. Zwei Beispiele sollen dafür stellvertretend kurz beschrieben werden, nämlich der sorgsame Umgang mit der Aufstieg, Abstieg? nein: Zirkularität! Prof. Dr. Gabriela Christen, Luzern

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