7 Darf ich, was ich meine, bescheidener und schlichter mit einem Beispiel zu erläutern versuchen. Ich lehrte lange Jahre Berufsethik in einer Krankenpflegeschule. Einmal fragten wir im Zusammenhang mit dem Sterben: «Was möchten wir am Ende über unser Leben sagen können?» Das war die Frage nach der lebensbestimmenden Werteinstellung. Die Schwestern trugen viele gescheite, ja gelehrte Antworten über den Sinn des Lebens zusammen. Am Ende meldete sich noch eine junge Schwester. Sie meinte schüchtern und fast verschämt: «Am Ende möchte ich sagen können: Moll!» Die Antwort dieser Schwester ist mir als einzige geblieben: Moll! Ich habe darüber einen Artikel geschrieben und der Schwester die Hälfte des Honorars gegeben. Ja, das möchte auch ich in einst sagen können: Moll! Ich habe nie eine Goldmedaille gewonnen, nie die oberste Etage bevölkert, nie Schlagzeile gemacht. Ich habe meinen Dienst getan, häufig Lückenbüsser gespielt und manchmal auch den Pestalozzi. Aber es hat sich gelohnt. Es war der Mühe wert. Moll! Auszug aus einem Interview der Zeitschrift für Institutionelle Anleger der Credit Suisse, Zürich, 25. Sept. 2006 (Mit freundlicher Genehmigung des Jesuitenordens) Mein kostbarster Wert, den das Leben mir zeigte P. Dr. Albert Ziegler SJ (1927!–!2022) Meine Antwort ist im Psalmwort enthalten: «Gott, mein ganzes Glück bist du allein» (Ps 16,2). Das Psalmwort sagt: Das ganze Glück kann nur Gott sein und schenken. Er ist und bleibt der höchste Wert. Aber gerade dieser Gott schenkt mir und uns allen schon jetzt in dieser Welt so viele beglückende Werte, dass unser Leben lebens- und liebenswert wird. Den höchsten Wert, nämlich sich selbst, wird Gott mir einstens schenken. Gottlob! Aber die Werte in der Welt soll ich pflegen. Gott hat uns den Wert der Welt anvertraut, damit wir seine Schöpfung so hegen und pflegen, dass ihr Wert wächst. Dies klingt recht unpersönlich. Es geht gleichsam um die Wertsache der Schöpfung. Doch noch mehr geht es um die persönliche Würde des Menschen. Gott schenkt uns auf unserem Lebensweg immer wieder Menschen, die für uns nicht nur wertvoll, sondern von höchstem Wert sind. Wir sind zu unserem Glück auch Menschen begegnet, die uns glücklich gemacht haben. Wie sagt doch Mathias Claudius bei der silbernen Hochzeit seiner Frau Rebekka: «Ich danke dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben/ Ich war wohl klug, dass ich Dich fand; / Doch ich fand nicht. GOTT hat Dich mir gegeben; / So segnet keine andre Hand.» Wir danken «Vom Zurückblättern» lautete das Thema des BaldeggerJournals, in dem wir 2005 unseren Leserinnen und Lesern den ersten Artikel von Pater Albert Ziegler SJ, aus Zürich, vorstellen durften. Seither gehörte er zu unseren treuesten Autoren. Seine besondere Fähigkeit, sich dem Thema zuerst in der Wortbedeutung zu nähern und es dann in den Alltag von uns allen zu stellen, war legendär. Seine Artikel waren nie Schnellschüsse. Er verriet uns, dass er jeweils wochenlang nachdenkend die Thematik umkreiste. Dafür und für seine Freundschaft zum Kloster Baldegg bleiben wir ihm in grosser Dankbarkeit verbunden. Zu seinem 90. Geburtstag am 11. Juli 2017 verfasste er für sich ein Gedicht. Sein Gottvertrauen, das seinen Texten immer die Bodenhaftung verlieh, ist auch ein Vermächtnis für unsere Leserinnen und Leser des BaldeggerJournals.
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