baldeggerjournal

6 Schritt für Schritt schreite ich in der Südtiroler Brentagruppe – langsam und bedächtig bergan. Die Kameraden sind schon weit voraus. Wir alle sind schwer bepackt. Denn wir verschieben unseren Standort von der Brentini-Hütte zur Tosa-Hütte. Das sind mit unsrem schweren Gepäck gute anderthalb Stunden bergauf. Zunächst führt der Weg durchs Gestein. Dann durch ein Schneefeld. Ein Felsriegel ist zu überwinden. Nach einem weiteren Schneefeld ist die Passhöhe – die Boccetta Brenta – erreicht. Von dort gelangt man bergab leicht und schnell in zehn Minuten zur Tosa-Hütte. Alius aliud: Der eine so, der andere anders Wenn man von Hütte zu Hütte geht, muss man alles Gepäck mitnehmen. Dabei tragen die Studenten die Hauptsache. Sie schleppen die langen Bergseile und viel Zusätzliches zur Bergausrüstung. Ihre Rucksäcke sind die reinsten Wochenendhäuschen. Trotz der Last haben sie uns längst überholt. Mit den Jahren nimmt man es gemächlicher. Ich bin auch hinter der Mittelgruppe zurückgeblieben. Bergauf bin ich lieber allein. Es tut gut, allein mit sich selber zu sein und über die Last nachzudenken, die man spürt. Sind wir nicht allesamt Lastträger – manchmal nach eigenem Willen, meistens, weil es uns einfach aufgebürdet wird? Doch merkwürdig: Die Last hat auch ihr Gutes. Sie gibt das Schrittmass an. Die Versuchung, ungeachtet der Jahre davonzuspringen, kommt gar nicht erst auf. Mit schwerer Last bedächtig und schweigsam. Von ferne höre ich die Mittelgruppe reden und lachen. Meine Freunde dort – Frauen und Männer – sind noch so gut beieinander, dass sie – Last hin oder her – lachen und lärmen können. Sie freuen sich des Tages. Darüber vergessen sie die Last. Ich gönne ihnen diese Weise, den Berg hinaufzukommen, durchaus. Ich selber brauche jetzt Stille. Ich will allein sein mit meiner Last und mit der Stille ringsum. Jetzt höre ich den Bach rauschen, der noch nicht für ein Wasserkraftwerk verplant wurde. Ich höre meinen eigenen Schritt. Es ist seltsam, sich selber gehen zu hören. Der eigene, rhythmische Schritt beruhigt. Es geht zwar weder beschwingt noch beflügelt. Aber es geht – langsam, doch stetig. Auch so kommt man voran. Noch etwas höre ich. Es ist der fast gleiche Schritt meines Freundes, der in gleicher Stille vor mir geht. Was geht wohl in ihm vor? Sieht er die gleichen Blumen am Wegrand? Hört er die gleichen Schritte? Es ist ein unausgesprochenes Einverständnis zwischen uns. Last will getragen werden Ist es nicht auch sonst im Leben oft so? Wer eine Last zu tragen hat, trägt leichter, wenn er schweigt. Jetzt noch zu sprechen oder gar zu lärmen, verbraucht viel gute Luft. Man gerät leicht ausser Atem. Schon das Zuhören müssen stört. Wie oft reden wir an einen Menschen heran, der unter seiner Last gebückt einhergeht und meinen, ihn trösten zu müssen. Was von uns her Trost sein möchte, ist für ihn nur störendes Geräusch. Eine Last will nicht besprochen, sie muss getragen sein. Einfach so. Reden macht die Last nicht leichter. Freilich wäre da noch eines. Wer so gut beieinander ist, dass er mit der eigenen Last auch noch bergauf zu reden imstande ist, hat überschüssige Kräfte. Könnte er nicht, statt die Kräfte für das Reden und Lärmen einzusetzen, die Kräfte einem andern schenken, um ihm so viel von dessen Last abzunehmen, dass auch er nicht nur noch schweigen kann? Wie oft und leicht reden wir in der Kirche vom Tragen der Last und vom Kreuztragen. Aber wer wirklich ein Kreuz zu tragen hat, kann keine Kreuzwegandacht mehr halten. Er muss einen eigenen Kreuzweg gehen. Halten wir nicht zu viele Kreuzwegandachten und helfen wir einander nicht viel zu wenig? Könnten wir vielleicht etwas weniger andachtsvoll, aber umso glaubwürdiger dem anderen das eine oder andere Kreuz, die eine oder andere Last abnehmen? Mit freundlicher Genehmigung des Jesuitenordens übernommen aus dem Buch: Albert Ziegler, Bisch zweg?, «Fridolin»-Verlag 2007 P. Dr. Albert Ziegler SJ (1927 – 2022) Beim Aufstieg Mis Lebe gaht em End entgäge. Wenn a nüt denksch, isch’s plötzlich da. Doch au wenn d’denksch, s’git nüt me d’säge. So wie’s dänn chunnt, so muesch es ha. Und trotzdem möchte ich à Dieu säge mit grosser Freud und tüfem Dank: Gott hät mir Sunne geschenkt und Räge Und – Tag für Tag – s’Dach, Spiis und Trank. S’isch interessant gsi, mängisch gspässig; bald gheimnisvoll, bald sunneklar; Und d’Lüt sind fründlich gsi und hässig. Genau wie ich; s’isch leider wahr: Doch bliibt zum Schluss no d’Frag: d’Bilanz? E sichri Antwort han ich kei. Doch trau ich Gottes Güeti ganz Und hoff getroscht: si füert mich hei. P. Albert Ziegler SJ

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