baldeggerjournal

5 Erfahren im Absteigen Ich will nicht behaupten, dass ich Ende der 80er-Jahre zu den weltbesten Klettererinnen zählte, aber ich war äusserst unerschrocken. Der Hunger, mich in immer steileren und schwierigeren Felsen zurechtzufinden, hatte aus mir schnell eine solide, ausdauernde und entschlossene Alpinistin geformt und mit 18 Jahren war ich bereit, den 750 Meter hohen und äusserst schwierigen Südwestpfeiler an der «Aiguille du Dru», einer Felsnadel, die im Mont-Blanc-Massiv wie eine imposante Lanzenspitze in den Himmel ragt, zu führen. Die Kletterei war äusserst schwierig, gefährlich und grandios zugleich, und nach zehn Stunden hätte ich auf dem spitzen Gipfel vor Freude sterben können. Dass mir der Tod tatsächlich im Nacken lauerte, wusste ich noch nicht. Der Schneesturm brach plötzlich und unvorhergesehen herein. Der Abstieg über den Westgrat wurde zur Überlebensübung. Doch diese Schwierigkeiten erfolgreich gemeistert zu haben, erfüllt mich noch heute mit Stolz und Dankbarkeit. In Bezug aufs Absteigen könnte ich aber auch von jauchzender Freude und einer Heerschar von Glücksgefühlen erzählen, von stiebenden Abfahrten durch unverspurte Hänge auf unzähligen Skitouren im tiefverschneiten Hochgebirge. Welche Bilder sehen Sie beim Wort Abstieg? Kommen Ihnen Gedanken von Mühsal und Not oder von Freude und Glück? Aus meiner Sicht ist der Abstieg am Berg das natürliche Pendant zum Aufstieg. Erst wenn wir erfolgreich vom Gipfel abgestiegen sind, können wir mit neuen Kräften zu neuen Abenteuern aufbrechen. Wenn wir aber zur Rückkehr und zum Abstieg gezwungen werden, ohne den ersehnten Gipfel erreicht zu haben, sprechen wir von Scheitern und sind enttäuscht, enttäuscht über uns selber, über die Situation, den Bergpartner oder die Umstände. Übertragen auf das normale Leben könnte der erzwungene Abstieg unsere unerfüllten Träume bedeuten, die nicht erwiderte Liebe, den nicht erfüllenden Job, den Verlust unserer Gesundheit oder eines geliebten Menschen. Abstieg kann bedeuten, dass wir nicht nur nicht wissen, wie weiter, sondern auch nicht, wie zurück. Ich glaube an den erfolgreichen Abstieg. Denn wenn ich einen Berg besteige, kümmere ich mich immer auch mit Hingabe um die Frage des Abstiegs, denn ich will ja weder nicht wissen wie runter, noch möchte ich abstürzen. Der Abstieg braucht, wie der Aufstieg auch, einen Plan, Übung, Konzentration und Ausdauer. Ich kümmere mich aber nicht nur um den Auf- und den Abstieg, sondern ich kümmere mich zusätzlich um einen eventuellen Rückzug. Wo kann ich im Notfall die Tour abbrechen? Gibt es einen «point of no return»? Welche Improvisationsfähigkeit muss ich in einem Notfall besitzen? Bin ich mental stark genug und verfüge ich über genügend Kräfte, auch für einen sehr beschwerlichen Abstieg? Die «Aiguille du Dru» hat mich bereits in jungen Jahren gelehrt, dass ich mich im Abstieg für Unvorhergesehenes zu wappnen habe. Unzählige Skitouren mit ihren stiebenden Tiefschnee-Abfahrten zeigten mir aber auch auf, dass Abstieg ein hohes Mass an Freude bedeuten kann. Wenn es mir gelingt, das Auf- und Absteigen in allen Lebenslagen als Herausforderung zu sehen, die mich im Tun als Menschen fordert, fördert und formt, dann wird auch der bedeutungsvollste Abstieg des Lebens gut gelingen, jenen, den wir unausweichlich und letztlich irgendwann alle gehen müssen. Evelyne Binsack, Hergiswil Abstieg vom Mönch

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