Zwei Meinungen – ein Thema Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Prof. Dr. Letizia A. Ineichen (LI). Sie studierte nach der Ausbildung zur Primarlehrerin am Seminar Baldegg Schulmusik II und Chorleitung an der Hochschule Musik Luzern. Später erwarb sie einen MBA an der Hochschule Wirtschaft Luzern und promovierte an der LMU München. 8 HW Das ist eine meiner prägenden Erfahrungen aus der Beratung von Menschen: Die meisten wollen ein spannendes Leben – aber möglichst ohne Spannungen. – Ohne Spannung aber kein Leben. Wo liegt die Lösung dieses Dilemmas? Schon Aristoteles sah im Suchen und Finden des rechten Masses und der goldenen Mitte das Geheimnis geglückten Lebens. Aber wo liegt das rechte Mass? Er meint damit den idealen Ausgleich zwischen Übermass und Mangel, eben den goldenen Mittelweg. Darin liegt für ihn die Glückseligkeit, das erstrebenswerte Ziel menschenwürdigen Handelns. Interessant dabei ist, dass Aristoteles die goldene Mitte nicht arithmetisch definiert, von den beiden Gegenpolen gleich weit entfernt. Für ihn liegt die goldene Mitte für jede handelnde Person an einem anderen Punkt. Auch das rechte Mass ist nach ihm individuell, persönlich. Das entspricht ganz unserm individualistischen Zeitgeist! Aber erkennen wir die lebenslängliche Aufgabe, dem rechten Mass, der goldenen Mitte in unserm Leben immer Raum zu schaffen, vom Kleinkind bis zum Greisen? Wir bewegen uns doch im stetigen Hin und Her zwischen Überfluss und Mangel. Die Menschheitsgeschichte zeigt sich bis heute als eine Geschichte der Masslosigkeit und der Anmassung. Im rechten Mass sah auch der Mönchsvater Benedikt die Mutter aller Tugenden. Diese uralte Erkenntnis ist heute aktueller denn je! Was macht das wohl mit dir im Blick auf deine neue Aufgabe als Prorektorin der Pädagogischen Hochschule Chur? LI Gerne nehme ich das Bild von Spannung und Entspannung auf, das du in die Frage des ‹rechten›, des richtigen Masses weiterführst. Als Musikerin ist mir die Frage von Spannung und Entspannung wohlbekannt. Arsis und Thesis (Hebung und Senkung) ist in der Sprachmetrik, der Verslehre bestens bekannt. Die Musik im Besonderen lebt davon und bringt – nicht zuletzt in der Vokalmusik – dies in besondere Gefilde. Was wäre eine gelungene musikalische Phrase ohne die Entwicklung zur Spannung und die Rückkehr in die Senkung, in die Entspannung? Vielleicht ist unser Leben eben auch eine Reise vom Ruhepol zur Spannung, respektive zur Kulmination und wieder zurück zur Entspannung. Der ‹musikalische Satz›, welcher in der Regel über 8 Takte erfolgt, beschreibt den Vordersatz und den Nachsatz mit je 4 Takten. Die ‹Lebensdauer› des musikalischen Satzes ist somit definiert. Im Leben wissen wir das nicht. In diesem Wechselspiel zwischen Spannung und Entspannung kommt das typisch Menschliche zum Zuge: wie viel Spannung kann, soll, darf ich aufbauen? Wie weit geht das Streben nach mehr? Wo finden sich Grenzen? Müssen, sollen, dürfen diese Grenzen ausgelotet werden? Hier Mitte und Mass zu finden, ist wohl eine der Künste des Menschseins, der persönlichen Entwicklung und des Bedürfnisses, ein spannendes Leben führen zu können. Was heisst das für meine Arbeit? Seit anfangs Februar bin ich als Prorektorin Ausbildung an der PH Graubünden tätig. Um dieser Aufgabe vollumfänglich gerecht zu werden, gönnte ich mir vorerst eine kurze Phase der Entspannung. Denn ich bin überzeugt, ein bewusster Umgang mit Spannung und Entspannung führt zum Einklang von Körper, Geist und Seele; ‹mens sana in corpore sano›. Als Führungsperson trage ich Verantwortung, damit Menschen und Institution gesund bleiben – jedoch in den Phasen von Spannung und Entspannung wachsen und vorankommen. Insofern ist dies ein Geglücktes Leben dank Mitte und Mass
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