9 stetes Spiel zwischen Spannung und Entspannung: Wann werden Weiterentwicklungsimpulse gesetzt und wann gibt es Phasen der Konsolidierung? Wo findet sich das hierfür richtige Mass? Ich freue mich darauf, dieses bewusste Wechselspiel an der PH Graubünden zu verantworten und darin die Bildung von angehenden Lehrpersonen – auch im Sinne von Menschenbildung und Persönlichkeitsbildung – zu gestalten. HW Ja, aufgrund meiner beruflichen Vergangenheit kann ich deine Gedanken gut nachvollziehen. In meinem vorgerückten Alter stellt sich die Frage nach Anspannung und Entspannung nochmals neu. Die Zeit des Kräfte-Wohlstands ist vorbei. Ich muss vieles nicht mehr, aber ich darf und will noch einiges. Dabei bleiben grundlegende menschliche Fähigkeiten not-wendend: aus- und abwählen, unterscheiden und entscheiden, sich freiwillig beschränken usw. Es geht dabei um Balanceakte, wie wir sie kennen. Sie wollen ein Leben lang geübt werden. Glücklich, wer das schon früh gelernt hat! Ich bin immer wieder dankbar dafür, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der Wohlstand nie selbstverständlich war und der Mangel zur eigenen Erfahrung gehörte. Darum sage ich bis heute gerne – allerdings mit einer rechten Prise Humor: «Ich bin relativ tugendhaft – mangels Gelegenheit.» Spass beiseite! Damit ist das Wohlmass, das Aristoteles in seiner Ethik meint, auch bei mir noch nicht gesichert. Aber ich bleibe dran. Zwar lauert die Versuchung des Übermasses überall, nicht nur im Konsum, auch in der Arbeit, im Machtanspruch, im Geldwesen, sogar im Gutsein. Auch der Mangel schreit immer lauter zum Himmel: im gravierenden Klimawandel, im Bröckeln der Demokratie, im Fehlen von Fachkräften, in sinkenden Geburtenzahlen. Die Herausforderung des Balancierens bleibt. Wenn wir ein spannendes Leben suchen, sollten wir das ‹Fasten› nicht vergessen. Das Wort ‹fasten› hat nämlich zu tun mit dem Wort ‹fest›. Wir sollen fest werden in der eigenen Aufgabe als Mensch; dazu gehören Arbeit und Musse, Sinn und Pflicht. Also merken; wer ich bin und aufhören, so sein zu wollen wie die andern. Wir sollen fest werden in der eigenen Aufgabe als Mensch; dazu gehören Arbeit und Musse, Sinn und Pflicht. Wir sollen fest werden in den eigenen Beziehungen; also merken, was ich brauche, wer ich bin, wo ich herzhaft JA sagen kann und was ich weglassen soll und darf. Ich weiss, du und ich stehen an unterschiedlichen Stationen unseres Lebens. Das ist ja gerade spannend. Ich freue mich schon heute auf deine Fortschreibe. LI Deine Gedanken bewegen mich. Du sprichst von Kräfte-Wohlstand als Balanceakt zwischen wollen und können, auswählen und abwählen, nehmen und geben, unterscheiden und entscheiden. Ein sorgsamer Umgang mit der Thematik des persönlichen Kräfte-Wohlstands ist gerade in unserer Zeit so zentral wie auch notwendig, bleibt jedoch ein stetes Lernfeld. Wie oft geht es in unserer Schnelllebigkeit um vermeintlich ‹schnelle› Entscheidungen? Ein Ja, ein Nein – erledigt. Ratio vor Emotio – Kopf vor Bauch. Ist das die Qualität und Weitsicht von Lenkungen, die wir uns wirklich wünschen? Für mich bedeutet Qualität in diesem Kontext, Zeit nehmen, hinhören, Sachverhalte in den Tiefenstrukturen verstehen, Perspektiven erfassen und eine persönliche Haltung entwickeln. Das verlangt ein stetes Wachsen an Situationen, an Entscheidungen und Lenkungen. Was ist der Weg – was ist das Ziel? Diese Fragen nach Weg und Ziel schwingen hier unweigerlich mit. Wie nahe liegt da der Kanon ‘Weg und Ziel’ von Joseph Röösli. Ein Kanon, welcher mich als Seminaristin und Lehrerin begleitete und Anlass zum Denken gab: Röösli verarbeitet das Hauptthema der g-moll-Fuge für Orgel BWV 578 von Johann Sebastian Bach. Er selber liefert den Text dazu. Weg und Ziel sind eins. Sie gehören zum Balanceakt von hoffen, träumen, lieben, von nehmen und geben von wachsen, leben und sterben. Musikalisch interessant hierbei ist, dass sich das lebenslange Balancieren gleich im ersten Intervall, der Quinte (g’- d’’) zeigt. In der Musik ist die leere oder reine Quinte oft das Symbol der Ewigkeit. Durchbrochen wird diese schwebende Ewigkeit bereits einen Ton später durch die fallende Terz (b’), was zu einem weichen, abgefederten Mollklang führt. Der Schlusston des Kanons endet auf dem Leitton (fis’) quasi als offener Schluss – wobei die angestrebte Richtung wiederum der Startton des Kanons (g’) oder eben der ‹Weg› ist. Ein musikalisches perpetuum mobile, in welchem Weg und Ziel eingebettet sind in die sanfte Ewigkeit. Bezugnehmend auf das Bachsche Thema im Blick auf meine Arbeit lege ich als Führungsperson quasi mit Grundton und Quintton den Raum. Die Kunst der Raumfüllung liegt in der Befähigung und Begleitung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diesen Raum weitsichtig und fundiert zu gestalten, zu beleben und auszufüllen. Du hast langjährige, reiche Erfahrung in der Bildung. Mich interessiert, was du heute für die Lehrpersonenbildung als bedeutsam erachtest und mir mit auf den Weg gibst. HW Du verlangst etwas viel von mir. Lehrpersonen sind auch heute noch der Schlüssel wahrer Menschenbildung. Aus persönlicher Erfahrung kann ich nur sagen: Nimm die Selbstsorge ernst. Arbeite unermüdlich am Selbstvertrauen und vertraue den Menschen, für die du verantwortlich bist. Vergiss nicht: Menschen führen ist zutiefst Beziehungsgeschehen. Darin gründet wahre Qualität. Und zum Schluss: Werde, die du bist!
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