baldeggerjournal

17 Psalmen Sr. Renata Geiger, Baldegg Zu allem, was existiert, gibt es eine Gegenseite … Zu hell gibt es dunkel. Zu arm gibt es reich. Zu oben gibt es unten. Zu Freude gibt es Trauer. Zu Dur gibt es Moll. Es ist von Bedeutung, dass unser Leben aus Höhen und Tiefen besteht. Sie lassen unsere Lebensmelodie vielfarbig klingen. So möchte ich heute mit Ihnen über die Lebensmelodie nachdenken. Jeder Mensch hat seine eigene Lebensmelodie. Bei jedem von uns klingt sie anders. Wie klingt sie? Was beeinflusst sie? Und wie gehen wir mit den grossen Gegensätzen in der Lebensmelodie um? Auf diese Fragen wollen uns die Psalmen Antwort geben. In ihren Lebensmelodien gibt es Lob und Klage, Freude und Trauer, Liebe und Schmerz, Jubel und Weinen, Güte und Zorn, Ergebenheit und Wut, Aufstieg und Abstieg, also Dur und Moll. Egal wie wir unsere Lebensmelodie singen, – nach dem biblischen Verständnis ist Gott der Urheber all der Vielfalt von Tönen und Melodien. Darum wenden sich die Psalmisten auch in jeder Situation ihres Lebens an ihn. Psalm und Lebensmelodie Die Lebensmelodie des Dichters von Psalm 30 beschreibt die doppelte Bewegung des Aufstiegs und Abstiegs. Sie beginnt in Dur, mit einem Aufstieg. Der Beter dankt Gott, weil er ihn aus der Todesgefahr gerettet hat. «Ich will dich rühmen, Herr, denn du hast mich aus der Tiefe gezogen!» Ps 30,1 Wie einen Schöpfeimer aus dem tiefen Schacht des Brunnens hat JHWH den Beter aus seiner Todverfallenheit heraufgezogen. Der Beter fragt sich, wie er denn überhaupt in diese Tiefe geraten ist. Er blickt zurück und ruft sich seine Selbstsicherheit und Überheblichkeit in Zeiten des Glücks in Erinnerung. Gott hat ihn auf den schützenden Berg gehoben. «Im sicheren Glück dachte ich einst: Ich werde niemals wanken.» Ps 30,7 Dann aber kippt die Melodie kurz nach Moll. «Doch dann hast du dein Gesicht verborgen. Da bin ich erschrocken.» Ps 30,8b Das Unglück bricht über ihn herein, weil Gott sich von ihm abgewandt hat. In der Erfahrung der Abwärtsbewegung schreit er, ruft er, fleht er und verhandelt mit Gott. «Zu dir, Herr, rief ich um Hilfe ich flehte meinen Gott um Gnade an.» Ps 30,9 Und so wird die Scheol (Unterwelt) erneut Ausgangspunkt einer Bewegung nach oben. Gott zieht ihn heraus aus dem Raum der Bedrohung. Er erlebt die Umkehr einer Bewegung. Sie kommt nicht aus eigener Kraft. Die Kehrtwende wirkt Gott: Er zieht ihn heraus aus dieser Situation. «Denn sein Zorn dauert nur einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang. Wenn man am Abend auch weint, am Morgen herrscht wieder Jubel.» Ps 30,6 Menschliches Leben ist durchkreuztes Leben. Es gibt Schmerz und Tränen. Es gibt die Nacht. Aber es gibt ebenso und zuletzt den Jubel über die erfahrene Nähe Gottes. Und es gibt den Morgen, der aufgeht wie die Sonne. Der Zorn Gottes, seine Verborgenheit sind nur ein Augenblick im Vergleich zu seiner Güte, die das ganze Leben umfasst. In Gegensatzpaaren wird diese Erfahrung weitergegeben: ein Augenblick – ein Leben lang, am Abend – am Morgen, Zorn und Güte, Weinen und Jubel, also auf und ab. Die Melodie moduliert wieder nach Dur. Wer so etwas erfährt, der wird beschenkt. Er erlebt ein Wunder. Er kehrt zum Leben zurück als ein anderer. Die Bewegung nach unten und dann nach oben ist eine Erfahrung, eine Gotteserfahrung in besonders dichter Form: «Der Ewige war verborgen, nun ist er wieder offenbar und nah.» Darum kann der Psalmist Gott loben: «Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt, hast mir das Trauergewand ausgezogen und mich mit Freude umgürtet. Darum singt dir mein Herz und will nicht verstummen. Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit.» Ps 30,12-13 Lebensmelodie in Dur und Moll

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