Zwei Bilder – ein Leben 19 Auf diesem Foto war ich zwanzig Jahre alt. Das weiss ich noch genau: ich durfte mir nämlich zum Geburtstag ein neues Kleid kaufen und zum Coiffeur gehen. Und dann noch zum Fotografen. Ich habe daheim mitgeholfen auf dem Bauernhof in Römerswil, wie auch meine Brüder und Schwestern. Mein Vater hatte ja nebst dem Hof noch eine Kiesgrube. Er hat schon sehr schwer gearbeitet, immer dieses Kies herumkarren mit den Garetten. Ich habe überall mitangepackt. Lohn gab es dazumal keinen. Meine Mutter meinte: «Geh doch am Abend im Restaurant aushelfen, so hast du etwas Geld und kannst dir etwas kaufen.» Das machte ich. Zwischendurch durfte ich für zwei Jahre nach Montana. Dr. Schmid, der in der Luzerner Höhenklinik Arzt war, hatte zur Mutter gesagt, s‘Anneli könnte doch bei ihm im Haushalt mithelfen und den kleinen Jean-Jacques betreuen. Er war verwandt mit ihr. Als meine Schwester heiratete, musste ich dann halt wieder heim und dort helfen. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich später fast 40 Jahre meines Lebens in Montana verbringen würde. Ich habe irgendwie immer gesucht, was für mich richtig war: Heiraten wäre ja etwas gewesen, aber ich ging auch gerne in die Exerzitien und Besinnungstage nach Baldegg hinunter. Hie und da kamen Baldegger Schwestern bei uns daheim vorbei, das freute besonders die Mutter. Sie und ich gingen gerne zur Heiligen Messe. Ein Tag ging sie zu Fuss, am nächsten ich mit dem Velo. Ich war 24 Jahre alt, als ich ins Kloster ging. Mutter hatte Freude. Der Vater meinte, «Du kommst dann wohl bald wieder heim.» Er dachte wahrscheinlich, dass ich das mit den wollenen Strümpfen nicht aushalte. Mein Bruder hingegen war nicht erfreut und sagte: «Jetzt muss ich mir dann halt Traktoren zu tun, wenn du nicht mehr mithilfst.» Aber wenn ich geheiratet hätte, wäre es ja auch so herausgekommen. Im Kloster kam ich bald ins Kinder-Albula in Davos, wo wir die Kinder betreuten, die kuren mussten. Ich half überall mit, ging mit den Buben spazieren, arbeitete in der Wäscherei und im Nähzimmer, machte Ablös, auch auf Sr. Edelina Estermann hilft überall mit den Abteilungen und in der Sakristei. Mir kam zugute, dass ich nach der Schule in Römerswil ein Jahr Haushaltungsschule im Institut Melchtal besucht hatte. Als ich von Davos aus in Baldegg Exerzitien machte, vernahm ich, dass ich nach Brig versetzt werde. So konnte ich in Davos nicht einmal mehr selber meine Sachen zusammenpacken. Da war ich schon ein wenig traurig. Aber so war das halt damals im Kloster. Ins Spital Brig musste ich zur Aushilfe, weil sich die verantwortliche Schwester für den Hausdienst total überarbeitet hatte und ausgefallen war. Die Angestellten im Spital hatten sehr Erbarmen mit mir. Sie sagten, diese Schwester hätte Tag und Nacht gekrampft und für drei Personen gearbeitet. Ich habe ihnen geantwortet, dass ich das nicht kann. Die drei Jahre in Brig waren streng, aber es hat mir trotzdem sehr gut gefallen. Dort waren wir 24 Schwestern. Eine war die Oberin, zwei Schwestern kochten für die Patienten, die andern arbeiteten als Krankenschwestern, im Labor, im Büro oder sorgten wie ich für das Putzen und Waschen. Später, als im Bürgerheim in Chlotisberg eine Notlage war, musste ich erneut auf Aushilfe. Dort gefiel es mir überhaupt nicht. Ich war sehr froh, dass ich bald darauf in Baldegg die Verantwortung für den Speisesaal der Schwestern übernehmen durfte. Heute helfe ich hier wieder mit. Seit ich zwölf Jahre alt war, habe ich immer wieder Probleme mit den Bronchien. Beim Mandelschneiden sei etwas schiefgelaufen, so sagte man mir später. Und es hätte ganz schlimm herauskommen können. Darum musste ich von Zeit zu Zeit in die Höhenklinik in Montana zur Kur. Die Höhenluft hat mir immer gutgetan. Das ist wohl der Grund, weshalb ich später nach Montana versetzt wurde. Schon schade, dass wir dieses Kurhaus Bethania vor bald zwei Jahren schliessen mussten. Ich war gerne dort, wir hatten Gäste von überall, nicht nur aus der Schweiz. Ich vermisse den Ort und das heimelige Haus immer noch. Auch das Langlauf Skifahren. Langläufle habe ich gelernt, als ich zum Kuren in der Höhenklinik war. Die Oberschwester sagte mir, sie hätte noch ein Paar Langlaufski im Keller, die sie nicht mehr benötige. Sie brachte mir das Langlaufen bei. Das tat ich leidenschaftlich gerne. Wann immer ich Gelegenheit hatte, zum Beispiel nach dem Abwaschen, wenn die anderen Schwestern ihren Mittagsschlaf machten, sputete ich los auf die Loipe beim Moubra See. Das vermisse ich in Baldegg noch immer. Hier gibt es ja auch keinen rechten Schnee! mrz
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