19 Sr. Damiana Bösch ist eine Diepoldsauerin Du musst halt einmal die Landkarte anschauen, dann weisst du wo Diepoldsau ist. Wir sind sozusagen eine Insel zwischen dem alten und dem neuen Rhein. Unsere Vorvorfahren mussten noch mit dem Schiff nach Lustenau oder in die Schweiz. Vielleicht haben wir darum unsern Charakter und den Diepoldsauer Dialekt. Ich hatte im Noviziat deswegen richtig Schwierigkeiten, auch Sr. Lorena aus Samnaun im Bündernland. Die anderen Novizinnen verstanden nichts, wenn wir zwei miteinander redeten. Oder verstehst du das Wort «Tippìlzouar»? So sagt man dem, der aus Diepoldsau stammt! Heute ist es so, dass ich auch fast so rede, wie man hier halt so redet. Nur wenn ich einen Tippìlzouar treffe, geht es wieder mit meinem Dialekt. Das ist übrigens ein Foto aus meiner Noviziatszeit. Wir hatten damals noch das alte Ordenskleid mit der Pelerine. Mein Bruder meinte, das mit der Pelerine sei schon praktisch, da könne man etwas darunter verstecken. Er dachte wohl ans Schmuggeln. Ich glaube, alle Diepoldsauer schmuggelten und sicher auch die Lustenauer. Auch meine Mutter schmuggelte, obwohl sie immer Angst hatte, erwischt zu werden. Alle waren ja arm. Mein Vater hatte einen Pflanzplatz in Lustenau, wir mussten immer wieder über die Grenze. Die Mutter verstaute die Waren jeweils im Kinderwagen. Als der Zöllner fragte, ob sie etwas zu verzollen habe, hätte ich im Kinderwagen treuherzig meinen Hintern gehoben und mit dem Finger dem Zöllner zeigen wollen, wo das Versteck war. In Diepoldsau waren die Katholiken die Hauptstrasse hinauf zuhause und die Strasse hinunter die Protestanten. Alles war getrennt, auch die Schule. Nur der Kindergarten und die Turnhalle waren auf der protestantischen Seite. Wir waren 50 Kinder, im Gänsemarsch mussten wir jeweils dorthin. Man wollte halt keinen Kontakt miteinander, warum weiss ich nicht. Das war einfach so. Nach der Schule musste ich in die Hemdenfabrik, zwei meiner Schwestern waren bereits dort. Man machte tagelang das Gleiche, zum Beispiel Manschettennähen, dann nur Knopflöcher und Knöpfe annähen. Wenn’s gut ging, erreichte man 5000 Knöpfe im Tag. Später wurde ich Vorarbeiterin und musste Knopflöcher kontrollieren und schauen, ob die Angaben der Mitarbeiterinnen stimmten. Diese kamen aus Italien, Spanien, Österreich, Jugoslawien und natürlich aus dem Rheintal. Zuschneiden war «Männerarbeit». Die fertigen Sachen gingen dann zum «Achermann» in Entlebuch. Ich verdiente am Anfang 95 Rappen in der Stunde, als ich nach über zehn Jahren in der Firma aufhörte, hatte ich fünf Franken Stundenlohn. Den Lohn mussten wir daheim abgeben. Die Mutter gab uns dann einen Fünfliber, von dem wir noch die Socken kaufen mussten. Die Buben, so sagte der Vater, die müssen eine Lehre machen, damit sie eine Familie durchbringen können. Also mussten wir Mädchen mithelfen verdienen. Wir waren ja neun Kinder. Wir wurden streng und konsequent erzogen, aber schon lieb und gut. Das bleibt einem halt. Mit 27 Jahren kündigte ich. Der Direktor hatte gar nicht Freude. Er kam zweimal und sagte: «Fräulein Bösch, wollen Sie es sich nicht noch einmal überlegen?» Das wollte ich aber nicht. Die Fabrik gibt es heute nicht mehr, das wird jetzt alles in China produziert und der «Achermann-Versand» ist auch verlumpet. Im Kloster bin ich nun schon über 50 Jahre. Ich konnte in Brig einen Pflegekurs machen und habe in verschiedenen Heimen gearbeitet. Am liebsten war ich eigentlich im Altersheim Murhof, es war einfach schön, wie wir dort alle einander geholfen haben. Jetzt helfe ich schon seit 26 Jahren mit in der Wäscherei des Klosters. Je älter ich werde, umso mehr merke ich, dass sich im Innern bei mir etwas ändert, aber ich kann nicht sagen was. Früher war ich irgendwie unbeschwerter, heute denke ich mehr darüber nach wie ich mein Leben lebe. mrz Zwei Bilder – ein Leben
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