Aufbruch ins Leben Wenn wir im Deutschen vom «Aufbrechen» sprechen, hören wir zwei verschiedene Bedeutungen: Man kann «aufbrechen», wie man eine Nuss aufbricht. Etwas wird geöffnet, gesprengt, zertrennt. Man kann auch «aufbrechen» in einem ganz anderen Sinn: sich auf den Weg machen, losgehen, eine vertraute Umgebung verlassen. Dieser zweite Sinn – der intransitive, existenzielle – prägt viele Geschichten des Glaubens. Und oft, wenn wir ehrlich sind, steckt auch der erste mit darin: Jeder Aufbruch birgt etwas, das in uns «aufbricht», das uns nicht so lässt, wie wir waren. Biblisch gesehen beginnt Gottes Heilsgeschichte fast immer mit einem Aufbruch. Abraham wird gerufen: «Geh fort aus deinem Land … in das Land, das ich dir zeigen werde» (Gen 12,1). Kein Ziel wird genannt, nur ein Versprechen. Israel bricht aus Ägypten auf, ohne zu wissen, wie Freiheit schmeckt. Die Emmausjünger verlassen Jerusalem im Zustand der Enttäuschung – und begegnen dem Auferstandenen gerade auf diesem Weg, der zunächst keiner war. Und selbst Jesus ist unterwegs: Er zieht «von Ort zu Ort» (Lk 4,43), ohne festen Besitz, ohne Sicherheit, allein getragen vom Willen des Vaters. Aufbruch ist von diesem biblischen Grundmuster her kein «moralisches» Projekt, sondern eine geistliche Grundbewegung. Gott ruft Menschen aus dem Verharren heraus. Nicht, weil das Alte schlecht wäre, sondern weil Leben nur dort wächst, wo Bewegung möglich bleibt. Glauben heisst daher nicht, eine Position zu halten, sondern bereit zu sein, sich von Gott herausrufen zu lassen – aus Gewohnheiten, aus starren Bildern, aus Ängsten, manchmal sogar aus Liebgewonnenem. Gott bricht die Nussschale des Verharrens auf. Der christliche Weg ist ein Weg des Exodus: herausgeführt werden, um hineingeführt zu werden. In jedem Aufbruch steckt schon Hoffnung auf ein Ankommen – vielleicht bereits als konkretes Ziel, vielleicht erst als unbestimmte Sehnsucht. Die Schrift zeigt, dass Gott nicht nur zum Weg ruft, sondern auch zur Ankunft, zum Ziel. «Kommt und seht» (Joh 1,39), sagt Jesus den ersten Jüngern – und sie bleiben bei ihm. Ankommen meint hier mehr als geografische Ruhepunkte. Es ist das innere Finden: bei sich selbst, bei anderen, bei Gott. Ein solches Ankommen ist nicht das Ende des Weges, sondern das Ziel seiner Bewegungen. Wir wachsen ein Stück tiefer in die Wahrheit Gottes hinein. Viele Menschen spüren heute eine Spannung zwischen beiden Bewegungen. Man möchte aufbrechen, aber nicht alles hinter sich lassen; man sehnt sich nach Ankommen, aber weiss nicht genau, wo. Vielleicht ist das geistlich gesehen gar kein Problem, sondern die normale Verfassung des Glaubenden: Wir leben «zwischen Ostern und Vollendung», zwischen dem Aufbruch des neuen Lebens und dem Ankommen in Gottes endgültigem Frieden. Manchmal bricht Gott etwas in uns auf; nicht um uns zu verletzen, sondern um uns fähig zu machen, neu aufzubrechen. Und manchmal führt er uns an Orte oder in Beziehungen, in denen wir ankommen dürfen, ohne stehenzubleiben. Glaube lebt aus diesem Rhythmus: aufbrechen – ankommen, loslassen – empfangen, sich öffnen – gehalten werden. Wer sich auf den Weg mit Gott macht, wird nicht unendlich unterwegs bleiben. Jeder echte Aufbruch führt – oft über Umwege – zu einem Ort, den Gott bereitet hat. Und jede Ankunft wird, wenn die Zeit gekommen ist, zum neuen Ausgangspunkt eines Weges, den wir noch nicht kennen. Ich wünsche Ihnen einen guten Aufbruch in die Sommerferien! Bischof Felix Gmür 13
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=