Christiane Blank, Dr. theol., lic. phil., Dipl. psych., lehrte 25 Jahre lang als Professorin der Päpstlichen Theologischen Fakultät von São Paulo. Sie beschäftigt sich mit der Erforschung neuer Kommunikationstechniken zur Konfliktbewältigung, um Strategien zur Überwindung psychosozialer Problemsituationen aufzuzeigen. «Ich fühle mich in meinen negativen Gedanken gefangen. Wie breche ich diesen Teufelskreis auf?» 1 SELIGMAN, Pessimisten küsst man nicht, 57 2 A.a.O, 272, 342-345. Vgl. auch: BLANK, Kreative Lebensbewältigung in Zeiten des Umbruchs, 137-143 Psychologische-theologische Impulse Jeder von uns steht immer wieder vor der Frage: Bilde ich mir das ein oder ist es wirklich so? Man grübelt etwa darüber nach, ob der Nachbar, der heute mit finsterer Miene grusslos vorbeiging, wütend über mich sei und den gemeinsamen stark beschädigten Zufahrtsweg nicht mehr renovieren wolle? Was läuft falsch, oder sehe ich alles zu schwarz? Die Wahrnehmung und Interpretation einer gleichen Situation ist nie völlig objektiv. Wir alle sehen und erleben die Welt auf Grund unserer Erfahrungen und unserer Prägung ganz unterschiedlich. Die einen neigen dazu, alles durch eine rosa Brille zu sehen, andere sehen primär das Negative und Bedrohende. Eine absolute Wahrheit oder objektive Kenntnis der Realität gibt es nicht. Tröstlich aber ist: Selbst wenn Sie zu den grössten Pessimisten*innen gehören, können Sie lernen, nicht nur Ihre Wahrnehmung positiv zu verändern, sondern damit verbunden auch Ihr Verhalten. Martin Seligmann, Pionier auf diesem Forschungsgebiet, erarbeitete dazu konkrete Vorschläge. Vielleicht könnten diese auch für Sie hilfreich sein: Neigen Sie zu Pessimismus, fragen Sie sich, ob Sie tendenziell folgendermassen denken:1 • «Es ist meine Schuld, • Es wird immer so bleiben, • Und es wird alles verderben, was ich anpacke.» Solche Überzeugungen wirken sich auch auf das eigene Handeln aus. Im Falle des erwähnten Nachbarn, suchen Pessimist*innen verzweifelt nach Gründen des eigenen vermeintlichen Fehlverhaltens. Sie denken über die Beziehung zum Nachbarn nach, statt die Zeit konstruktiv zu nutzen. Das alles soll nun nicht heissen, dass man Gefahren unterschätzen und Probleme kleinreden soll. Vielmehr geht es darum, als Pessimist*in Überzeugungen zu relativieren und die eigene Objektivität kritisch zu hinterfragen. Seligmann hat dazu einen spezifischen Fragenkatalog entwickelt:2 • Habe ich eindeutige Hinweise dafür, dass meine Annahmen stimmen? • Gibt es deutliche Indizien dafür, dass meine Befürchtungen nicht zutreffen? • Was könnte im schlimmsten Falle geschehen? (Worst-Case Szenario) • Was nützt es, wenn ich mich vor Angst gelähmt sorge? Wie kann ich meine Energie stattdessen konstruktiv verwenden? Wird auf diese Weise die eigene Wahrnehmung kritisch hinterfragt, kann es sich herausstellen, dass der eigene Pessimismus zu einer Fehlinterpretation der Lage geführt hat: Am Beispiel der Nachbarbeziehung könnte das etwa heissen: • Es gibt keine eindeutigen Hinweise: Ich weiss doch, wenn mein Nachbar Sorgen hat, ist er selbst gegenüber seiner Frau abweisend. • Alternative Gründe: Noch am selben Tag erfuhr ich, dass sein Arbeitgeber Entlassungen angekündigt hatte. • Worst Case: Selbst wenn das gemeinsame Projekt nicht mehr realisierbar wäre, gäbe es noch andere Zufahrtsmöglichkeiten. • Nutzen: Ob Sie den Nachbarn zum Kaffee einladen und in gelöster Stimmung eine geniale Alternativlösung finden, oder ob Sie mit Ihrer Frau eine Spritzfahrt unternehmen: Verwenden Sie Ihre Energie konstruktiv, statt unnütz zu grübeln. Der Teufelskreis einer pessimistischen Selbst- und Weltsicht lässt sich wie das Beispiel zeigt, aufbrechen. Ohne dass Probleme schöngeredet werden, zeigt vor allem die positive Psychologie Alternativen auf. Wählen Sie aus diesen Möglichkeiten ein für Sie stimmiges Konzept, und Sie werden erkennen, dass man mit Herausforderungen viel stressfreier und konstruktiver umgehen kann. Viel Glück dabei! 12
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