aus Francesco Rosis Film bereisen wollten. Absolut beeindruckend im ersten Teil war die Stadt Matera mit ihren, in den Fels gehauenen jahrtausendealten Wohnhöhlen. Die Stadt wurde 1993 Weltkulturerbe und war 2019 europäische Kulturhauptstadt. Bella, grandiosa Italia! Auch die umliegende Landschaft war von unglaublicher Schönheit und wir freuten uns umso mehr auf Eboli und die Reise in die dahinterliegenden Berglandschaften der Campania und der Basilikata. Als wir dort nach 9-stündiger Reise auf dem miserabel ausgebauten Schienennetz mit zahlreichem Umsteigen erschöpft ankamen, wandte ich mich direkt an den Bahnhofvorstand mit der Frage, ob er den Film «Christo si é fermato a Eboli» gesehen habe und falls ja, ob er uns sagen könne, wo dieser gedreht worden war. Der Mann mit der Kelle meinte, er habe den Film selbstverständlich gesehen und er kenne niemanden in Eboli, der den Film nicht gesehen habe. Aber er müsse uns leider enttäuschen: der Film sei nicht im Gebiet südöstlich von Eboli gedreht worden, sondern in der Nähe von Matera. Lange Pause. Wir waren entgeistert. In Matera, wo wir gerade gewesen waren! Es gelang uns trotz nächtelanger Diskussion nicht, einen Schuldigen für das Desaster zu finden, wir fluchten ergebnislos über unsere Naivität – und tranken einen Doppelliter Chianti. Wir wollten die Drehorte des Films sehen, wir hatten sie gesehen, ohne uns dessen bewusst zu sein, wir waren am Ziel angekommen, ohne es zu wissen. Wie weiter? Wir trafen den lustlos vernünftigen Entscheid, trotz allem ins Bergebiet der Campania und der nördlichen Basilikata zu reisen, aber wir hatten keinerlei Erwartungen mehr. Carlo Levi rückte mit seinem Roman die gewaltige Kluft zwischen der wohlhabenden herrschenden Klasse und der extrem armen Landbevölkerung, vor allem in Süditalien, ins Bewusstsein der italienischen Öffentlichkeit. Im Film widerspricht er nach seiner Rückkehr aus der Verbannung auch seinen kommunistischen Freunden, weil er nicht glaubt, dass ein kommunistischer Staat die Landbevölkerung besser behandeln würde als ein faschistischer oder demokratischer Staat. Rom kümmert sich nicht. Vielleicht kann man sagen, dass Levi in Aliano zu sich gefunden hat, dass er Menschlichkeit ins Dorf gebracht hat und seinerseits in seinem Menschsein angekommen ist, seine Bestimmung gefunden hat. Er schreibt: «In dieser Einsamkeit gibt es eine dunkle, verborgene Weisheit, eine Geduld, die älter ist als jede Zivilisation.» Levi flüchtete 1936 nach Frankreich, wurde 1941 in Florenz verhaftet und nach Mussolinis Sturz 1943 wieder auf freien Fuss gesetzt. Er betätigte sich nach dem Krieg als Maler, Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift Italia Libera. In Aliano ist er begraben, sein Buch ist Pflichtlektüre in der Schule und das Dorf ist in den 90er-Jahren zum «Literaturpark Carlo Levi» ausgerufen worden. Epilog: Der zweite Teil unserer Reise führte uns im Frühling 1981 ins Gebiet Irpinia, östlich von Eboli, welches am 23. November 1980 von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden war. Ich erinnere mich an eine Begegnung in Conza della Campania in einer Kirche. Der vordere Teil über dem Altar war völlig eingebrochen, im hinteren Teil war die Orgel intakt und der Organist übte beinahe unter freiem Himmel eine Orgelfassung des Agnus Dei aus der Petite Messe Solenelle von Rossini. Er erzählte uns, es gäbe in der Umgebung 13 traditionsreiche Brüderschaften, die je eine eigene Kirche gehabt hätten, die einem spezifischen Heiligen gewidmet gewesen sei. Sechs dieser 13 Kirchen, seine nicht eingerechnet, seien vom Erdbeben zerstört worden. Er las uns Stellen aus der Bibel in lateinischer Sprache mit italienischem Akzent vor, was er trotz unserem Protest lachend als einzig korrekte Aussprache bezeichnete. Er meinte, das Erdbeben sei schlimm gewesen, aber es könne die Menschen nicht davon abhalten, hier zu leben und alles wieder aufzubauen. Die Kraft und Grösse der vom Erdbeben getroffenen Menschen, mit denen wir dieses und viele weitere Gespräche führen durften, machten mir zwei Dinge klar: Erstens, Christus kam nicht nur bis Eboli, und zweitens, wir waren in der Gegenwart, in unserer eigenen Reise und unseren eigenen Landschaften angekommen. 11
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