baldeggerjournal

Kellers Reisen In der Welt der Vergessenen David Keller 1945 erschien der autobiografische Roman «Christo si è fermato a Eboli» (Christus kam nur bis Eboli) des Turiner Intellektuellen und Schriftstellers Carlo Levi, der von den italienischen Faschisten 1935 im Alter von 33 Jahren in die Verbannung geschickt worden war. Levi hatte zunächst ein Medizinstudium absolviert und war bis 1928 vier Jahre Assistenzarzt in einem Turiner Spital gewesen. 1929 gründete er die antifaschistische Gruppe «Giustizia e Libertà» und widmete sich dem politischen Kampf gegen den Faschismus. Die Faschisten konnten es sich zwar damals nicht leisten, ihn ins Gefängnis zu stecken, wollten ihn aber mit der Verbannung isolieren und ihm den sozialen und politischen Wirkungskreis entziehen. Sie schickten ihn ins Dorf Aliano in der Basilicata in Süditalien, wo er sich täglich bei der Dorfverwaltung melden musste. In der Basilicata herrschte bittere Armut und Carlo Levi schildert in seinem Roman die Situation der Bevölkerung so: «Christus ist nur bis Eboli gekommen, wo die Strasse und die Eisenbahn die Küste von Salerno verlassen und in die trostlosen Berge von Lukanien hineinführen. Christus ist nie hierhergekommen, ebenso wenig wie die Zeit, die Geschichte, der Staat oder das Denken in Ursache und Wirkung. Niemand ist in diesen Erdteil gekommen, ausser als Feind, als Eroberer oder als unbeteiligter Besucher. Die Leute hier sagen: Wir sind keine Christen, wir sind keine menschlichen Wesen, wir sind Tiere… schlimmer noch als die Tiere, wir leben das Leben der Geister, die in der Luft herumirren, wir müssen uns den Mächten des Himmels und der Unterwelt beugen.» 1979 erschien der gleichnamige Film von Francesco Rosi mit dem grossartigen Gian Maria Volonté als Darsteller von Carlo Levi. Ich war 17, als ich den Film 1980 mit drei Freunden zusammen im Kino Royal in Baden sah. Wir waren nicht nur fasziniert von Levis langsamen Annäherung an die arme, schwarzgekleidete Landbevölkerung und von seiner Fähigkeit, den abergläubischen Kleinbauern buchstäblich als Mitmensch zu begegnen. Ebenso fasziniert waren wir von der im Film gezeigten, kargen Schönheit der Landschaft Süditaliens. Wir mussten unbedingt dorthin reisen, koste es was es wolle (es kostete vor allem Überzeugungsarbeit, denn von den Eltern musste leider nicht nur Zustimmung, sondern vor allem auch finanzielle Unterstützung eingefordert werden). Wir brachen im Frühling 1981 auf zu unserer dreiwöchigen Reise in einem 6-er Abteil der Ferrovie dello Stato und mit einem Doppelliter Chianti, beides ab Zürich. Im ersten Teil wollten wir zunächst Apulien bereisen und über Brindisi, Bari, Lecce und Tarent bis in die Berge von Matera gelangen. Anschliessend wollten wir von Matera zurück nach Bari und von dort über den Apennin via Foggia und Napoli bis Eboli, von wo aus wir als Höhepunkt die phantastischen Landschaften Aliano ist eine süditalienische Gemeinde in der Provinz Matera in der Region Basilicata. 10

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