baldeggerjournal

4 Reise in die Vergangenheit Kürzlich sprach mich die über 90-jährige Schwester Maria-Paula mit strahlenden Augen an und sagte: «Heute vor 75 Jahren bin ich ins Kloster eingetreten.» Das war also kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, 1947. Mich inspirierte diese Begegnung, im Klosterarchiv in den spannenden Reiseberichten der Missionarinnen herumzustöbern. Sr. Maria-Paula ist eine von den Schwestern, die die ersten beiden Reisen nach Tansania mit dem Schiff erlebt hat. Ein langes Leben liegt dazwischen! Und unglaubliche Veränderungen, auch beim Reisen! Ein Reisebericht aus dem Jahre 1945 gibt einen besonderen Einblick. Zwei Baldegger Schwestern, Sr. Adelina und Sr. Balduina, reisten gemeinsam mit dreizehn Kapuzinern nach Tanzania. Zur Aussendungsfeier im Kapuzinerkloster Wesemlin gehörte jeweils ein Abschiedsfoto. Es zeigt die beiden Baldegger Schwestern, umrahmt von den 13 Kapuzinern. Diese sind in den nächsten Wochen ihre Reisegefährten. Sr. Adelina beschreibt, wie lange schon der Weg von Luzern nach Lissabon war. Die Reise begann am 6. November und führte über Paris. Auf der Strecke sahen die Schwestern viele schreckliche Kriegsspuren, Sr. M. Martine Rosenberg, Baldegg überall Ruinen und Bombenkrater. Mitreisende aus deutscher Gefangenschaft erzählten ihnen ihre unglaublichsten Erlebnisse. Die Bahnhöfe waren fast menschenleer. Die Uniform der wenigen Beamten bestand aus einer weissen Mütze. Stundenlang musste der Zug ganz langsam fahren wegen der beschädigten Geleise. Die Fahrt von Olten nach Paris dauerte gut 12 Stunden, die ganze Nacht. Auf dem grossen Bahnhof in Paris wartete der Pariser Vertreter des Reisebüros. Die Untergrundbahn brachte sie in ein Hotel und nachher in die Kirche. Sie schreibt: «Die zur Reisegruppe gehörenden Kapuziner feierten die heilige Messe. Beim Frühstück merkten wir so recht, dass das Leben in Paris und in Frankreich noch kein ‹Schleck› ist. Wir erhielten nur schwarzen Kaffee. Milch ist in Paris für gesunde Erwachsene nicht erhältlich. Zucker ist nicht aufzutreiben. Geschirr und Besteck ist alles andere als salonfähig. Das ganze Stadtbild macht einen traurigen Eindruck. An Strassenecken und Gebäuden findet man überall kleine Täfelchen mit der Aufschrift: ‹Hier wurde N.N. im November 1944 von den Deutschen erschossen›.» Dann folgte die zweite Nacht im Zug Richtung Bordeaux und die nächste Nacht nach Madrid. In der folgenden Nacht ging es im internationalen Expresszug weiter nach Portugal. Bis Lissabon fuhren wir 62 ! Stunden per Bahn und 13 bis 14 Stunden per Auto. Die Reise von Lissabon bis Mombasa beginnt am 19. November 1945. «Daheim in Baldegg hätten wir Fest. Auch auf dem Schiff wird ein wenig gefeiert. Wir Schwestern bekommen extra eine heilige Messe. Beim Mittagessen spendierte unser Schiffsuperior P. Ludwig eine Flasche Messwein. Auf unserem Dampfer befinden sich zwei protestantische Schweizerpastoren mit ihren Familien. Beide sind Adventisten. Der eine geht auf die Insel Mauritius, der andere auf die Seychellen. Sie sind uns gegenüber sehr freundlich und zuvorkommend. Jeden Mittag um 12.00 Uhr wird der genaue geographische Standort des Schiffes bekanntgegeben. Das ruhige Meer ermöglicht unserem Dampfer eine Stundengeschwindigkeit von 21 km. Unser "Joao Belo›, der schöne Johann, ist der kleinste und älteste Passagierdampfer von Ankunft der Schiffe am Hafen von Dar es Salaam

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