Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Thomas Bucheli (TB), der an der ETH einen Abschluss machte in Meteorologie, Klimatologie und Atmosphärenphysik. Er arbeitete beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie und bei der Wetterfirma «Meteomedia», bevor er 1995 mitbeteiligt war bei der Gründung der Wetterredaktion des Schweizer Radio und Fernsehens. Seither ist er bei SRF in der Funktion als Meteorologe, Moderator und Leiter Teams von SRF Meteo tätig. 4 Zwei Meinungen – ein Thema Wie Innen so Aussen – Wie Aussen so Innen HW Das Prinzip geht davon aus, dass die Realität, die wir wahrnehmen, ein Spiegelbild unserer inneren Zustände und Befindlichkeiten ist. Wir leben in dauernder Wechselwirkung zwischen Innen und Aussen. Unsere Denkmuster, Überzeugungen, Einstellungen und Empfindungen entscheiden, wie wir das Aussen wahrnehmen, interpretieren und beantworten. So kreieren wir fortwährend unsere äussere Realität mit: unsere Beziehung zu Wetter und Tagesgeschehen, Erfolge und Misserfolge, Zu- und Abneigungen usw. Wir lassen uns vor allem von aussen steuern. Selbst unser Umgang mit der Wetterlage hängt massgeblich von unserer inneren Haltung ab. Dem ist auch der ‹Wetterprophet Bucheli› ausgeliefert. Wir leben in einer Zeit der Polarisierung und der lärmenden Informationen und werden von einer aufdringlichen Bilderflut dominiert. Und wir sind gierig nach immer mehr. Die geheimnisvolle Beziehung zwischen Innen und Aussen aber lässt sich so nicht fassen. Sie ist komplexer, dynamischer und geheimnisvoller. Sie ist eine Art Gesamtstruktur von Welt, Bewusstsein und Erleben. Die Philosophie untersucht, wie die Aussenwelt unser Inneres formt und wie umgekehrt unsere inneren Zustände unsere äussere Wahrnehmung beeinflussen. Sie fragt, ob die Unterscheidung selbst eine Illusion sein könnte, die uns dazu verleitet, etwas «hinter» der Erscheinung zu suchen und wie die ersehnte Stimmigkeit zwischen Innen und Aussen sich finden lässt. Ich finde dafür nur eine Antwort: in Resonanz leben, Sorge tragen zur Resonanzfähigkeit zwischen Innen und Aussen und so Sinn erfahren. TB Als Meteorologe kann ich deine postulierte Sorge zur Resonanzfähigkeit zwischen Innen und Aussen restlos unterstützen. Sie findet sich auch in der Natur – und beim Wetter. In unserer Aussenwelt laben wir uns am Sonnenschein, bewundern tolle Wolkenbilder und klagen bei hartnäckigem Nebel. Wir freuen uns über einen reinigenden Regenguss, finden aber nassgraues Wetter grässlich. Im Winter ärgern wir uns über eisige Gehwege und erfreuen uns zugleich an einer märchenhaft verschneiten Landschaft. All dies empfinden wir nach innerer Perspektive, Überzeugung und persönlichem Denkmuster. Rein physikalisch betrachtet sind diese äusserlich sicht- und fühlbaren Wettererscheinungen das nüchterne Produkt eines inneren Energieaustausches, der über das Element Wasser passiert. Wenn immer Wasser seinen physikalischen Zustand ändert und beispielsweise von Wasserdampf zu kleinen Wolken- oder grossen Regentropfen kondensiert oder zu Eiskristallen, Schneeflocken oder Hagelkörner gefriert, dann wird Wärme freigesetzt. Umgekehrt wird fürs Schmelzen von Eis und beim Verdampfen oder Verdunsten von flüssigem Wasser Wärme aufgenommen. Dieser Wärmeaustausch ändert aber die Temperatur des beteiligten Wassers nicht – egal, ob es gasförmig, flüssig oder gefroren wird. Diese Art von Wärme wird im Fachjargon daher als sogenannte ‹latente› Wärme oder Energie bezeichnet, was so viel heisst wie ‹verborgene› oder eben ‹innere› Energie. Was also beim Wetter «Innen» und «Aussen» abläuft, ist physikalisch streng kausal und berechenbar. Nicht so bei uns Menschen. Als Naturwissenschaftler rege ich daher an, dass wir uns bei der Beurteilung der Vorgänge zwischen «wie innen, so aussen» den Einfluss unserer ‹inneren Energie› auf unsere Betrachtungsweise stets bewusst sind. Gerne zitiere ich hier den Meteorologen und Schiffsadmiral Robert FitzRoy (1805 – 1865): «Es ist die natürliche Neigung des Menschen, das zu unterschätzen, was er nicht versteht». Daher mein Votum: Bleiben wir neugierig und reflektiert in allen Belangen. HW Das ist auch meine Erfahrung: Neugierde und Reflexion, Interesse und Aufmerksamkeit, Beziehungen zu Natur und Menschen wollen gelebt werden. Das nährt den Austausch zwischen Innen und Aussen, macht uns berührbar, schafft unserem Staunen Raum. Diese resonante Haltung schützt vor oberflächlichem Polarisieren, Konsumieren und Abwerten. Es geht dabei – wie beim Wetter – um ‹verborgene› oder eben ‹innere› Energien. Resonanz zeigt sich uns als Prinzip sinnstiftenden Lebens in der modernen Welt. Unser Herz ist der Resonanzboden. Es hat, wie jedes Instrument, seinen eigenen, unverwechselbaren Klang. Durch Staunen und Lieben entscheiden wir, was in uns Resonanz auslöst. Alles was ist, hat eine bestimmte Frequenz, schwingt auf seine Weise mit, stimmt sich auf andere Schwingungen ein. Für mich gehört gute Literatur vor allem Poesie – zu den wunderbaren Resonanzfeldern. Das Gedicht von Gerhard Meier zeigt diese wechselseitige Beziehung von Natur und Mensch, in der man sich berührt, verwandelt und verbunden fühlt.
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