baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema 16 Stadt erledigen. Ich eilte die Treppe hinunter, die Zeit war knapp. Mit dem Velo könnte ich es noch schaffen und auch noch auf der Post ein Paket abholen. Wann schliesst die Hauptpost? Ich stürze in den Abstellraum. Da hängt es, mein Velo, noch im Winterschlaf. Jetzt ist Frühling. Mit einem Schwung ist es von der Halterung und jetzt nur noch mit einer Hand die Türe aufstemmen. Dass es so einen schweren Türschliesser braucht! Endlich hatte ich mich ins Freie gezwängt. Und jetzt schnell los! Da, beide Reifen platt. Das gibt’s doch nicht! Es fehlt wohl nur die Luft, aber eine Pumpe hatte ich mir, wie kann ich nur, noch nicht angeschafft. Da war ich platt. Ein Blick auf die Uhr: Das reicht! Schnell das Velo wieder an den Haken und los. An der Pilatusstrasse wechselt die Ampel auf Rot. Ich bleibe stehen, sehe nochmals auf mein Handy. Das mit der Post kannst du vergessen, und ich sage mir, das muss ja eigentlich auch nicht heute sein. Es wird grün. Ich gehe weiter, beginne ruhiger zu atmen und spüre die frische Luft. Auf der Rathausbrücke bricht sogar die Sonne durch, das Glitzern des Wassers zieht mich an. Dann mit einem Schwung die Treppe hoch. Hallo, Beat! Was für eine Überraschung. Mein Cousin sitzt im Kaffee. Ihn wollte ich seit meinem Umzug schon lange einmal treffen. Ein kurzer Schwatz, wir machen etwas ab. Etwas später kehre ich entspannt in meine Wohnung zurück. Das Erledigen wurde dank dem platten Reifen zu einem herrlichen Spaziergang. Aber als nächstes kaufe ich mir eine Pumpe. Angefangen hatte ich doch unseren Briefwechsel mit dem Foto von meiner Tochter, wie ich sie in den Armen trug und ich mir Gedanken machte übers Zeit haben und Zeit leben. Mein Sohn will als Geburtstagsgeschenk mit mir eine Wanderung machen. Es wäre doch schön, miteinander etwas Zeit zu verbringen. Zeit als wertvollstes Geschenk. SH Und wie gehen wir mit diesem Geschenk um? Wir beklagen die Flüchtigkeit der Zeit, aber eigentlich gilt unser Klagen der eigenen Vergänglichkeit. Wir erfahren, die Zeit geht hin, der Tod kommt her und mit ihm die Ewigkeit. Daran vermag auch die TEUFLISCH erleuchtete Beschleunigung nichts zu ändern. Schon im Buch Kohelet, drei Jahrtausende vor Christus, ist uns gesagt: «Alles hat seine Zeit / Geboren werden hat seine Zeit / Sterben hat seine Zeit / ein jegliches hat seine Zeit / und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.» Wir haben daraus offenbar nichts gelernt. Wir können nicht annehmen, dass sie über uns herrscht, die Zeit. Wir hätten sie so gerne im Griff wie vermeintlich das Geld. Robert Walser zeigt in seinem Gedicht «Gelassenheit» einen lohnenden Ausweg. «Seit ich mich der Zeit ergeben, fühl’ ich etwas in mir leben, warme, wundervolle Ruh’. Seit ich scherze unumwunden mit den Tagen, mit den Stunden, schliessen meine Klagen zu. Und ich bin der Bürd’ entladen, meiner Schulden, die mir schaden, durch ein unverblümtes Wort: Zeit ist Zeit, sie mag entschlafen, immer findet sie als braven Menschen mich am alten Ort.» Immer mehr – immer schneller – immer prompter – und dazu noch: immer perfekter! Die Menschen jagen von Termin zu Termin. Das ist normal geworden. Man fühlt sich gut, wichtig und gefragt, an einer Sitzung vor einem vollen Terminkalender stirnerunzelnd, seufzend und krampfhaft nach einem weiteren Termin zu suchen. Sogar Pensionierte jammern über täglich anstehende Termine. Man geht nicht mehr in den Ruhestand, sondern in den Unruhestand. Fragt man sich überhaupt, wie es den eigenen Kindern geht, wenn die Eltern nach der anspruchsvollen Berufsarbeit noch an dieser und jener Party teilzunehmen haben? Die Kinder verbringen doch zufrieden den Abend mit Chatten, Surfen im Internet oder vor dem Fernseher. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen. Es sind Zeiterscheinungen, die kaum mehr aufzuhalten sind. Nein, nicht aufhalten – aber: innehalten – in sich gehen – nachdenken. Wie gehen wir mit diesem Trend um? Was können wir dagegen tun? Gibt es Möglichkeiten, gegen den Strom zu schwimmen? Haben wir es verlernt, einfach mal dazusitzen und «nichts» zu tun? In solchen Momenten steigen vielleicht Fragen auf, die dringend einer Antwort bedürfen. «Gott hat uns die Zeit gegeben, von Eile hat er nichts gesagt», heisst eine bekannte Redewendung. Im Buch Ijob 37,14 heisst es: «Hör dir dies an, Ijob! Halt inne und achte genau auf die wunderbaren Werke Gottes.» Ich wünsche Ihnen für die kommenden Sommertage, die Ihnen bestimmt eine Auszeit ermöglichen, Momente des Innehaltens, des Einfach-Da-Seins. Sr. Boriska Winiger ZweiMinutenPredigt

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