baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Carl Bossard, Dr. phil., dipl. Gymnasiallehrer, früher Rektor des Nidwaldner Gymnasiums in Stans, Direktor der Kantonsschule Alpenquai Luzern und Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule PH Zug. Heute leitet er Weiterbildungen und berät Schulen. Sein Hauptinteresse gilt bildungspolitischen und gesellschaftlich-historischen Fragen. 14 HW In meinen Jugendjahren, auch noch als junge Lehrerin, prägten Beständigkeit und Verlässlichkeit das Lebensgefühl. Im Studium begegnete ich dem Zitat des griechischen Philosophen Heraklit: «Nichts ist so beständig wie der Wechsel». Es machte mich nachdenklich. Aber so richtig unter die Haut ging es mir erst durch die Studentenunruhen während meines Auslandjahres an der Universität Hamburg im Fachbereich Psychologie. Nun bin ich schon gut fünfzig Jahre in der Ausbildung von Lehrerinnen, in der Erwachsenenbildung und Beratung tätig. Bildung, Menschenbildung ist bis heute mein Herzensanliegen, meine Leidenschaft. Das ist vermutlich der tiefere Grund, warum ich Baldegger Schwester wurde; denn unsere Klostergemeinschaft ist 1830 aus der Idee der Frauenbildung heraus entstanden. Bildung, verstanden als Wandlung und Entwicklung von innen, als Herausbilden des eigenen Potenzials. «Werde, der du bist», zum persönlichen Glück und zum Wohle der menschlichen Gemeinschaft. Das ist und bleibt für mich eine urreligiöse Aufgabe, lebenslänglich. Was ich in meinen über fünfzig Jahren Bildungsarbeit an Veränderungen, Reformen, Entwicklungen, Neuerungen und Experimenten miterlebt und zum Teil auch mitgestaltet habe, ist kaum überschaubar. Diese Aufbrüche haben viel Gutes hervorgebracht, Erstarrtes gelöst, Perspektiven und neue Möglichkeiten eröffnet. Aber sie haben auch die pädagogische Freiheit beschnitten und damit die Hauptquelle nachhaltigen Lehrens und Lernens. Manche Neuerungen haben sich zudem vom eigentlichen Wesen Mensch entfernt. Die Frage ist und bleibt: Was ist der Mensch? Worin ist und bleibt er unverzweckbar? Heute fordern die Erkenntnisse der noch jungen Neurowissenschaften und der Hirnforschung heraus, das gängige Menschenbild zu revidieren. Darin hast du als Bildungsmann Erfahrung. CB Dauer, das wusste schon der Grieche Heraklit, ist nur im Wandel. Wandel war immer, Stabilität selten. Neu aber ist die Zivilisationsdynamik; neu ist darum auch der rasante Umbruch in Schule und Unterricht. Das Alte lässt sich nicht auf Dauer vor dem Neuen retten. Auch diese Einsicht gehört zu den Axiomen der Moderne. Wer ins Vokabular der Bildungsexperten hineinhört, wird häufig mit dem modernistischen Begriff der Innovation bedient. Die Innovationsrhetorik ist überall. Doch vielfach weiss man gar nicht, was Innovation konkret bedeutet. Oft muss es einfach eine Veränderung sein, weil Innovation à tout prix gefragt ist und dem Begriff ein progressiver Beiklang anhaftet. Denn «wer am Alten hängt wird nicht alt», heisst es. Halblaut taucht dabei die schüchterne Frage auf: Gehört zum Ändern nicht auch das Bewahren? Wäre nicht auch dieses andere mitzubedenken? Das Beschützenswerte! Gibt es neben dem Heraklit’schen Wandel, neben der «Angst vor dem Fertigen», wie es Picasso seinem Kunstschaffen gegenüber empfand, nicht auch den Mut zum Konstanten? Gerade in der Pädagogik – mit ihren anthropologischen Konstanten? Ist das Künftige nicht oft eine Resultante aus den Kräften des Innovativen wie des Bewährten? «Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.» Der dialektische Satz stammt aus einem Lied des deutschen Lyrikers Wolf Biermann. Ändern und sich gleichzeitig treu bleiben? Widerspricht sich denn das nicht? Oder bedingt sich beides gar? Ob der Liedermacher Biermann das gemeint hat? Manches hat sich in Schule und Unterricht während der letzten Jahre verändert; viele prekär gewordene Traditionen sind verschwunden. Das ist gut so. Neues hat Einzug gehalten. Doch ist sich die Pädagogik dabei auch treu geblieben? Das habe ich mich oft gefragt. Und das frage ich mich, wenn ich deine Gedanken zur Menschenbildung lese. Ja, welches Menschenbild leitet denn den pädagogischen Wandel? HW Deine Frage löst in mir lebhafte Erinnerungen aus. Die letzte Jahrhundertwende war eine Zeit intensiver Schulentwicklung landauf landab. Schulen aller Stufen waren gefordert, ihre Reformprojekte auf ein gemeinsam erarbeitetes Menschenbild abzustützen. Wir, von der Bildungsleitung Stella Matutina, waren gefragt, solche Prozesse als «Externe» zu begleiten. Es ging vor allem darum, den Horizont zu weiten für das, was wahres Menschsein ausmacht und demzufolge durch Bildung entfaltet und bewahrt werden will – immer lebensnah und erfahrungsgestützt. Die Grundfrage: Was ist der Mensch, verlor dabei für viele ihre vordergründige Plausibilität und zeigte sich sperrig. Psychologie, Pädagogik und Didaktik waren zwar damals en vogue, griffen aber im Alleingang zu kurz. Diese Einsicht öffnete für philosophische Überlegungen, literarisch/poetische und auch religiöse Impulse. Das gemeinsame Nachdenken über Bildung wurde Zukunft braucht Herkunft

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