Zwei Meinungen – ein Thema 16 Aber nur wer aufrecht und offen, eben geistesgegenwärtig, im Heute steht, erkennt, wie sehr Menschenbildung heute nottut. Es geht um das in jedem Menschen liegende Potenzial an Kräften und Fähigkeiten, das zum Segen für das Ganze herausgebildet werden will. Das geschieht über den Weg, welcher die ewig unveränderliche Natur des Menschen vorschreibt. So wird Bildung zum Schlüssel für den lebensdienlichen Gebrauch der Gabe Freiheit. Und dazu sind wir doch berufen und beauftragt. Das führt mich zurück zu deinem Gedanken: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu und zu deiner schüchternen Anschlussfrage, ob zum Ändern nicht auch das Bewahren gehöre? Deine eigene Antwort schimmert durch. Positives, Wahres und Bewährtes will sich in allem Wandel und Fortschritt bewahren, ungeachtet gesellschaftlicher Zwänge. Und es willl als solches erkannt werden. Das erfordert Menschenbildung. CB Liegt die Zukunft der Bildung in ihrer Vergangenheit? Das fragt sich unwillkürlich, wer sich in deine Gedanken vertieft. Und vielleicht weitet sich die Frage: Wissen wir denn überhaupt noch, was Bildung bedeutet? Oder verschwindet sie im Allerweltswort «Kompetenz»? Der Ausdruck bedeutete früher einmal «Zuständigkeit»; doch als betriebswirtschaftlich-erziehungswissenschaftlicher Doppelbalg ist er zur geschwollenen Ersatzvokabel für «Können» geworden. Dieser zeitgeistige Containerbegriff umfasst heute alles und jedes, auch Bildung. Doch alles ist bekanntlich der Feind von etwas. Bildung aber ist weit mehr als Können und der Mensch darum mehr als ein blosser Behälter von überprüfbaren Kompetenzen, wie das der Lehrplan 21 vorschreibt. Vor vielen Jahren prägte der deutsche Philosoph Hans Blumenberg die Devise, Bildung sei ein «Horizont» und kein «Arsenal». Sein Satz gilt noch immer. Und vermutlich mehr denn je. Es ist paradox: Je reicher unsere digitalisierte Gesellschaft an Information und Wissen wird, desto ärmer scheint sie an Orientierungsvermögen zu werden. Für diese Fähigkeit aber steht der Begriff der Bildung – und für die ethischmoralische Dimension der Begriff der Humanität. Noch nie war darum eine Bildung, die über den Tagesbedarf und das berufliche Kerngeschäft, also über das Arsenal oder das Verfügungswissen hinausgeht, so unentbehrlich wie heute. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich nicht nur als offene, sondern auch als beschleunigte versteht. Zu ihrem Credo gehören permanente Innovation, grenzenlose Mobilität und hektische Flexibilität. Der Zwang zum «Change» als Dogma. Doch ohne Bewährtes, ohne Dauer geht eine offene Gesellschaft an ihrer eigenen Wandelbarkeit zugrunde. Es gibt eben nicht nur die Angst vor dem Fertigen und damit den notwendigen Wandel, es braucht auch Konstanten. Es braucht das Mass des Beständigen und Wesentlichen. Notwendig ist das, was Goethe «das alte Wahre» nennt und was immer gilt und keinem Verfalldatum unterliegt. Gerade im Sog der heutigen Zivilisationsdynamik. Doch was heisst das für die Bildung? HW Ja, Zukunft braucht Herkunft. Das gilt auch für unsere Bildungsarbeit. Für mich steht Bildung im Zeichen der «Wandlung» wie Menschwerdung überhaupt. Diese verstehe ich als Mysterium. Alles, was lebt, wandelt sich. Das gilt für unsern gesamten Leib mit seinen Sinnesorganen, auch unsere Beziehungen, unsere Gedanken, unsere Hoffnungen und Ängste. Veränderungen geschehen uns, für Wandlung braucht es mehr. Und dieses Mehr braucht Bildung. Der Mann aus Nazareth, Jesus, hat Menschen zu Wandlungen verholfen, denn jede Heilung, ob körperlich, seelisch oder geistig, verwandelt den Menschen. Als Weg dazu ruft er unermüdlich zur Sinnesänderung auf. Unsere Sinne sind das Einfallstor der Welt, auch der digitalen. Sie empfangen tagtäglich unsäglich viele Eindrücke und Informationen. An uns liegt es, alles zu prüfen und das Gute zu bewahren, denn das Gute allein hat Wandlungskraft. Dahin gelangen wir durch ein unausweichliches Labyrinth von Veränderungen zum eigentlichen Menschsein. Dazu will unser humanistisches Menschenbild religiös ergänzt, vertieft und rückgebunden werden. Das ist meine Überzeugung. Samstagabend vor Pfingsten: Die Luft ist geistschwanger, das Firmament lichtstrahlend. Ich fahre heim von einem Leseseminar – ganz erfüllt. Erleichtert, dass das Benzin noch bis zur Tanksäule reichte, schiebe ich die Tankkarte in den Schlitz. Auf dem Display leuchtet es rot: «Abbruch». «Himmel! Was soll das nun?» Ich probiere erneut, stecke die Karte hinein. Und wieder leuchtet es rot: «Abbruch». Ich werde nervös, schimpfe etwas vor mich hin. Verflogen sind all die schönen Gedanken des Leseseminars! Ich wollte doch rechtzeitig zur Vesper im Kloster sein. Hilflos schaue ich um mich. Da fährt ein Auto zu. Am Steuer ein Mann in den besten Jahren. Ich fasse Mut, gehe auf ihn zu. Freundlich kommt er mir entgegen: «Kann ich etwas für Sie tun?» «Oooh, Sie kommen mir vom Himmel geschickt! Meine Tankkarte spukt.» «Darf ich einmal probieren?», fragt er vornehm. Erneut erscheint auf dem Display: «Abbruch». Dann probiert er mit seiner Karte. Jetzt klappt es. «Tanken Sie jetzt», sagte er mit gütiger Stimme. Er spürt mein Zögern und sagt ermutigend: «Ich meine es ernst.» Der Tank füllt sich. «Wie kann ich das begleichen?» Er winkt ab und sagt: «Schon gut», freundlich nickend. In mir ist nur Dank und Staunen über diese Grosszügigkeit. Spontan fällt mir ein Vers aus Jesaja 55 ein: Kommt und kauft ohne Geld, / kauft Wein und Milch ohne Bezahlung! Es gibt sie also doch, die Pfingstwunder! Sr. Hildegard Willi ZweiMinutenPredigt
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