baldeggerjournal

10 Elsbeth Jordi kennt das Kloster Baldegg seit über fünfzig Jahren. Zusammen mit ihrem Mann, dem Architekten Beat Jordi, hat sie insbesondere die Entstehung des Mutterhauses aus nächster Nähe erlebt. Dieser war nämlich zusammen mit dem amerikanischen Architekten Marcel Breuer für den Neubau verantwortlich. Wer das Kloster Baldegg schon besucht hat, kennt den eindrücklichen Bau auf dem Hügelzug oberhalb des Sees mit seinen Betonfassaden und Bruchsteinmauern. Jetzt ist Elsbeth Jordi zum Jubiläumsanlass 50 Jahre Mutterhaus von Marcel Breuer nach Baldegg zurückgekommen, und wir gehen zusammen in die Kapelle. An ihrem Lieblingsort im Kloster erzählt sie mir von ihren Begegnungen mit diesem aussergewöhnlichen Raum: «Ich war schon während der Bauzeit immer wieder hier und habe gesehen, wie die Kapelle entstanden ist. Als ich sie zum ersten Mal fertig sah, mit diesen grossen Glasfenstern, dachte ich zuerst, hier fehlen ja die farbigen Kirchenfenster! Dann aber habe ich die Absicht von Marcel Breuer verstanden: Für ihn war die Kapelle ein ganzheitlicher Ort, mit dem Leben und der Natur verbunden durch die Sicht nach aussen und keineswegs ein abgeschlossener Raum hinter dicken Steinmauern.» Zusammen blicken wir aus der Kapelle hinaus in die Innenhöfe des Klosters mit ihren Bäumen. Elsbeth Jordi beschreibt die Dramaturgie der Räume, die Kontraste und Gegensätze, die Marcel Breuer mit seiner Architektur beabsichtigt hat: «Durch den engen Bezug von innen und aussen mit den Innenhöfen bringen die Schwestern die Natur in sich, in ihr Inneres hinein. Das fasziniert mich immer wieder neu. Gleichzeitig hat Breuer aber auch gesagt: Schwestern, ihr habt keine Zimmer, ihr habt Zellen.» Im Gleichgewicht und Gegensatz von innen und aussen, von Rückzug und in die Welt hinaustreten, von innerer Ruhe und der Veränderung der Natur im Wechsel der Jahreszeiten sieht Elsbeth Jordi den Kern der Architektur Breuers für Baldegg. Man spürt, das Kloster ist ihr sehr nahe, obwohl sie Protestantin ist: «Diese Nähe hat sich entwickelt, und es ist insbesondere die Warmherzigkeit der Schwestern, die so berührend ist.» So war es auch die Anteilnahme der Schwestern an ihrer Schwangerschaft und an der jungen Familie Jordi, die diese grosse Verbundenheit vor fünfzig Jahren entstehen liess. Seither kehrt Elsbeth Jordi regelmässig nach Baldegg zurück: «Das Kloster ist für mich der absolute Ort der Ruhe, des In-mich-Gehens, der Erholung, wo ich neue Kraft schöpfe.» Die Begegnungen mit den Schwestern vor Ort bleiben für sie zentral: «Das sind Freundschaften geworden, wir sind uns wirklich nahe.» Wie hat sich das Kloster Baldegg für Elsbeth Jordi in den letzten fünfzig Jahren verändert: «Das ist lustig, eigentlich gar nicht. Es war für mich immer der Ort, wo es mich hinzieht. Die Art, wie die Schwestern sich nur schon bewegen, lässt mich die Hektik der Welt vergessen. Ich weiss natürlich, dass auch die Schwestern manchmal Stress haben, aber für mich ist Baldegg der Ort der Stille.» Zusammen sitzen Elsbeth Jordi und ich noch einen Moment auf der hölzernen Kirchenbank und staunen einmal mehr über das Licht in der Kapelle und insbesondere den Lichtfluss auf der vergoldeten Altarwand, die durch die Wolken, die Blätter der Bäume im Wind vor den Fenstern und die Sonnenstrahlen immer wieder in einem anderen Licht erstrahlt. Zu Besuch im Kloster Ein Gespräch von Gabriela Christen mit Elsbeth Jordi, Kunsthistorikerin und Zeitzeugin für die Baugeschichte des Mutterhauses

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