baldeggerjournal

Vom Traum zur Realität Friede und Solidarität in einem zerrissenen Land Sr. Madeleine Schildknecht, Sarajevo Hoffnung führte mich im Sommer 2000 nach Bosnien und Herzegowina, Hoffnung, die in den Neunzigerjahren auf einem langen Weg des Suchens gereift war. Diese Zeit war geprägt von tiefgreifenden gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüchen, die auch meinen beruflichen und spirituellen Weg beeinflussten. Die Auseinandersetzung mit franziskanischer, feministischer und Befreiungstheologie führte zur «Option für die Armen» und «Karriere nach unten». In kleinen Gruppen erprobten wir Bibellektüre, kontemplatives Gebet, Ignatianische Einzelexerzitien, Aktionen für sozial und ökologisch gerechtes Handeln. Die Kriege auf dem Balkan brachten Flüchtlinge zu uns, und während meiner Praktikumsbesuche fragte ich mich oft, wie wir traumatisierte Kinder, vor allem aus dem muslimischen Kulturkreis, integrieren und angehende Lehrpersonen auf diese Aufgabe vorbereiten könnten. Doch die Umstrukturierungen in der Lehrerbildung führten zum Ende unserer Schulen in Baldegg. Eines Morgens erwachte ich aus einem Traum, der meine Perspektive für immer verändern sollte: In meiner Heimatstadt Bischofszell gehe ich von der Kirche her die Marktgasse hinauf. Plötzlich stehe ich vor einem eisernen Zaun. Ich schaue zurück auf all das Vertraute – die Menschen, die Gebäude – und plötzlich erkenne ich, dass all dies ein Gefängnis war, das mein bisheriges Leben eingeschlossen hatte. Unschlüssig stehe ich vor dem Ausgang, voller Angst vor dem, was mich draussen in der Dunkelheit erwartet. Die Geschichte Abrahams gab mir den Mut, diesen Schritt zu wagen. Wie er vertraute ich darauf, dass Gott mich führen würde – hin zu dem Ort, an dem ich ein Segen für andere werden könnte. Mit der Zustimmung meiner Ordensleitung begann mein Weg in ein Land, in dem Angehörige der abrahamitischen Religionen seit Jahrhunderten zusammenleben und eine vielfältige Kultur entwickelt haben: Juden, Christen verschiedener Konfession und Muslime. Gemeinsam teilen sie tief verwurzelte Werte der Gastfreundschaft, Solidarität und Mitmenschlichkeit, die weit über Familien- und Nachbarschaftsgrenzen hinausreichen. Doch der Krieg von 1992 – 95 hat diese multikulturelle Gemeinschaft zutiefst erschüttert. Die Politiker haben es bisher nicht geschafft, ein dauerhaft friedliches Miteinander aufzubauen. Trotz der tiefen Wunden, die der Krieg hinterlassen hatte, erfüllte sich meine Hoffnung, Friedensarbeit mit Jugendlichen aufzubauen. Mit der Unterstützung franziskanischer Brüder und Schwestern sowie durch die materielle Solidarität aus der Schweiz und anderen Ländern konnten und können wir unsere Arbeit professionell umsetzen. Unser Verein hat Tausende von Kindern und Jugendlichen, und seit sieben Jahren auch ältere Menschen, ausgebildet und begleitet, sich für das Wohl bedürftiger Mitmenschen und ihrer Gemeinschaft einzusetzen. Das lebensgrosse Altarbild von Djuro Seder in der Antoniuskirche in Sarajevo erinnert mich täglich daran, dass wir alle auf einem gemeinsamen Weg sind – einem Weg zur Fülle des Lebens in Jesus Christus. Die Dunkelheit, die vor 25 Jahren in meinem Traum noch alles bedeckte, ist dem Licht der Hoffnung gewichen. 7

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