baldeggerjournal

4 Nicolò Paganini, Nationalrat, Abtwil SG Ein Lotto-Sechser und dann «Nichts mehr tun»? Es sind immer spannende Gegensatzpaare, die das Redaktionsteam des Baldegger Journals thematisiert. Dieses Mal «Vom Anspannen und Entspannen». Der erste Gedanke: Ja, da habe ich etwas zu sagen. Schliesslich habe ich in meinem Berufsleben viel Anspannung und gefühlt immer zu wenig Entspannung. Ein zweiter Gedanke: Anspannung und Entspannung gehören doch zusammen und bedingen sich gegenseitig. Dabei sind mir zwei unserer wichtigsten Organe in den Sinn gekommen. Sowohl unser Herz wie auch unsere Lunge funktionieren nur, wenn sich ganz spezifische Muskeln abwechselnd anspannen und entspannen. Unsere «Pumpe» funktioniert nur, wenn sich die tausenden von Herzmuskelzellen synchron anspannen und wieder entspannen. Nur Anspannen der Herzmuskel brächte uns den umgehenden Tod genauso wie nur Entspannen. Aha, das ist doch spannend! Könnte das auch eine Metapher für unsere «Work-Life-Balance» sein? Ist der Wunsch nach dem grossen Lotto-Sechser, dem anschliessenden «Nichts mehr tun», quasi dem immerwährenden Entspannen, vielleicht nur ein grosser Selbstbetrug? Und ist der Gegensatz dazu, die vorgetäuschte jederzeitige berufliche Produktivität, nicht auch ein Zustand ausserhalb der menschlichen Natur? Ich bin weder Mediziner noch Psychologe. Nach meiner Erfahrung gibt es keine Entspannung ohne vorherige Anspannung – und umgekehrt. Nach drei strengen Sessionswochen in Bern haben selbst nur zwei erholsame Tage mit der Familie in den Bergen einen riesigen Wert, den viel grösseren als die letzten zwei Tage nach drei Wochen Ferien. Entspannung folgt eben auf vorherige Anspannung. Auch Spitzensportler wissen, dass es beides braucht. Schlechte Leistungen werden dann mit «Übertraining» (sprich fehlender Entspannung), Erfolge aber mit ausreichend eingeplanter Erholung (sprich genügend Entspannung) begründet. Persönlich schätze ich den Rhythmus von Anspannung und Entspannung sehr. Anspannung setzt ungeahnte Energien frei. Eine mir wichtige Rede im Parlament treibt den Puls nach oben und gibt einen Adrenalinschub. Entspannung hilft, die beruflichen Herausforderungen wieder richtig einordnen zu können und sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen. Ich wäre die falsche Person für ein entweder/oder. Wie ein Bundesrat (wie ich mir das vorstelle) nur noch angespannt sein und kaum Zeit für Familie, Freunde oder ein gutes Buch finden? Nein, danke! Mit 59 in Frühpension gehen, die Welt nur noch als Zyniker beobachten und darauf hoffen, dass Nichtstun persönliche Erfüllung bringt? Gleich nochmals «nein, danke». Mir ist beides wichtig. Anspannung und Entspannung. Sie gehören zusammen. Zugegebenermassen muss ich vielleicht in meiner jetzigen Berufssituation um die Entspannung ein wenig mehr kämpfen. Ich muss die Entspannung bewusst einplanen. Das berühmte Wochenende mit meiner Frau Katrin, ein Nachtessen mit der Familie, ein Frühschoppen mit meinen Kollegen, eine Stunde auf dem Mountainbike, ein Skitag, ein paar Minuten oder Stunden mit einem tollen Buch, klassische Musik hören und vieles andere mehr sind meine «Entspanner». Viele davon trage ich in meine Agenda ein. So haben sie ihren vorbestimmten Platz neben den so oder so wiederkehrenden Zeiten der Anspannung! Denn der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck hatte mit seiner Aussage wohl recht: «Die Kunst des Ausruhens ist ein Teil der Kunst des Arbeitens». Eben: Entspannung und Anspannung.

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