5 Die Welt dreht immer schneller. An manchen Tagen rast sie nur so an uns vorbei. Geschäftig eilen wir von einem Ort zum anderen, kaum da und schon wieder auf dem Sprung weiter. Ein unglaublicher Stress, diese Zeit. Ist das noch normal? Uhren messen die Zeit zuverlässig und objektiv. Unsere subjektiven Erfahrungen sind anders. Manchmal zieht sich die Zeit endlos in die Länge, manchmal zerrinnt sie uns nur so zwischen den Fingern. Beides lässt sich gut an einem Gespräch festmachen. Mögen wir die Person, fliegt die Zeit an uns vorbei – andersherum hört sie nicht auf, sich wie zäher Sirup auszudehnen. Das führt zu einer immer drängenderen Ungeduld. Die Anspannung steigt und steigt und vielleicht, hoffentlich, können wir bald weiter – und die innere Unruhe kann sich wieder legen. Oft erfahre ich indes das Gegenteil. Ich eile geschäftig weiter, die innere Unruhe wächst, Konzentration und Produktivität nehmen ab, die Erschöpfung steigt. Schnell bin ich gefangen in einem Kreislauf, der krank macht. Was ist wichtiger als unser Terminkalender und abgehakte Pendenzen? In einer freien Stunde fahre ich gerne mit dem Velo ein Stück der Aare entlang. Dann sinniere ich, denke nach und denke voraus. Irgendwann ziehen diese Gedanken weiter, die damit verbundene Dringlichkeit verlässt mich. Ich werde ruhiger. Mit dieser Ruhe kommt Zufriedenheit. Vielleicht kennen Sie das auch, dieses Gefühl. Von der Anspannung und den Ansprüchen des Alltags kann man sich in solchen Auszeiten für einen Moment herausnehmen, sich neu ausrichten, erholen und die Wunder der Schöpfung geniessen. Denn – sind wir unterwegs, hören wir da nicht unweigerlich das sanfte beständige Rauschen des Flusses neben uns, das Wispern der Blätter im Wind, das zarte Zirpen im nahen Gebüsch? Das Staunen über scheinbar kleine Dinge öffnet unser Herz für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Es relativiert die Hektik. Für einen kurzen Augenblick sind wir ausserhalb vom Wettrennen gegen die Zeit. In der Bibel findet sich eine hilfreiche Unterscheidung von Zeit, die diese Erfahrung widerspiegelt. Sie orientiert sich an den zwei Zeitkonzepten im alten Griechenland: Während die quantitativ gemessene Chronos-Zeit die Vergangenheit und die Zukunft bedeutet, ist die Kairos-Zeit die erfüllte Gegenwart, wie wir sie etwa im Moment des Staunens und der Ehrfurcht in der Natur oder in einer intimen Begegnung erfahren. Ja, es gibt Wichtigeres als den Terminkalender und abgehakte Pendenzen. Die Chronos-Zeit hilft, unser Leben zu strukturieren und unseren Alltag sinnvoll zu ordnen. Doch zentral ist die Kairos-Zeit, denn sie schenkt uns immer wieder neue Kraft und hilft, unseren Alltag überhaupt erst sinnvoll zu leben. Und wie immer: Es braucht eine gesunde Balance der beiden. Dafür scheint mir Achtsamkeit eine ausschlaggebende Haltung zu sein. Achtsamkeit für die Uhr am Handgelenk und Dankbarkeit für die Welt ausserhalb von uns selbst: für die frei fliegenden Vögel des Himmels und die Schönheit der Lilien auf den Feldern (Mt 6,19-34). Viel Freude beim Erkunden und Staunen! Bischof Dr. Felix Gmür, Solothurn Chronos und Kairos
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