baldeggerjournal

Handwerkliches Tun ist schöpferische Meditation Schon viele Jahre stehe ich in unseren Handwerkstätten und begleite Frauen, ab und zu auch Männer, in ihrem handwerklichen Tun. Dabei nehme ich wahr, was dieses gestalterische Arbeiten bewirkt. Diese Kurse sind nicht als Meditation ausgeschrieben, aber was ich beobachte: sie werden zu Meditation. Die Teilnehmenden schalten ab, werden ruhig und gesammelt, kommen ganz zu sich und finden in einen Flow. Nach zwei Stunden anspannender Arbeit tauchen sie wieder auf und sind anders präsent, anders gestimmt, entspannt. Ich spüre immer wieder, wie diese intensive Zeit dem ganzen Menschen wohltut, abgesehen davon, dass dabei etwas Handfestes, etwas Schönes entsteht. Das erlebe ich jede Woche neu. Da kommen Menschen aus ihrem vielschichtigen, oft überfüllten Alltag, manchmal auch belastet mit Sorgen, einem schweren Herzen, einfach mit allem, was das Leben ihnen zumutet. Doch eines verbindet sie: Sie sind gespannt auf das, was kommt. Es ist die Zeit, die ihnen allein gehört. Und sie freuen sich, eine Idee mit ihren Händen umzusetzen. Einige bringen ihre Vorstellungen mit und fragen: «Geht das?» Andere sind besorgt: «Schaffe ich das? Ich habe das noch nie gemacht.» Sich auf das Arbeiten mit dem Schweissbrenner einzulassen, braucht etwas Mut. Es heisst NeuSr. Rahel Künzli land betreten und etwas Unbekanntes lernen. Das ist bei allen mit etwas Anspannung verbunden. Schritt für Schritt hole ich die Teilnehmenden ab. Auf die kleine Einführung in die Handhabung des Schweissbrenners folgt der erste Versuch: Feuer holen, Löcher machen, Linien ziehen, langsam das Gespür für das Tempo und die Nähe zum Blech entwickeln. Und immer wieder: probieren, beobachten, korrigieren, wahrnehmen, anpassen und noch gezielter führen. Ein Zusammenspiel von Auge, Hand und Flamme. So entsteht Vertrauen in die neue Materie. Der anfänglich angehaltene Atem fliesst immer ruhiger. Die zuerst verkrampfte Hand hält den Brenner entspannter. Bei dieser ersten Anwärmübung geht es nicht nur um den Umgang mit dem Schweissbrenner und ums Lernen der Technik, es geht wesentlich auch um das Ankommen. Es heisst, für die nächsten zwei Stunden ganz da zu sein, konzentriert und gesammelt, nur bei sich. Ich stehe hinter den Lernenden und beobachte die ersten Handgriffe, gebe Tipps, nehme Druck weg, mache Mut, bestärke und bestätige. Meine langjährige Erfahrung hilft mir, die richtigen Hinweise zu geben. Und langsam findet jede Person ihr Tempo und ihre «Handschrift». Es wird ruhig und ruhiger. Jede Kursteilnehmerin ist ganz bei sich, konzentriert auf ihr Tun auf Wie entspannen Sie sich? Legen Sie sich hin? Gehen Sie in die Natur? Machen Sie Yoga? Trinken Sie gemütlich einen Tee? Haben Sie es schon erlebt, dass man sich auch bei der Arbeit entspannen kann? kleinem, begrenztem Raum. Die anfängliche Spannung löst sich. Langsam finden Atem und Bewegung in ein natürliches Zusammenspiel und in den natürlichen Rhythmus. Die Konzentration ist ausgerichtet auf die Flamme, der Mensch ist gesammelt. Für mich sind das meditative Momente voller Aufmerksamkeit und innerer Ruhe. Am Schluss frage ich mich: Was ist es, das die Teilnehmenden in diesen Momenten glücklich macht? Sind es die gelungenen, überraschenden Werke? Das Neue, das sie lernten und mit Erfolg anwenden konnten, oder ist es die erlebte Einheit mit sich selber? Ist es die Unterbrechung des Alltags, das Vergessen der Zeit und das «Ganz-da-sein» im Moment, oder geht es noch tiefer? Vielleicht ist der Mensch bei diesem handwerklichen Schaffen für eine kurze Weile in sich eins, im inneren Einklang. Es macht mich glücklich, mitzuerleben, wie durch das gestalterische Schaffen Verwandlung geschieht. Dann wird handwerkliches Tun zur schöpferischen Meditation. Darum bin ich überzeugt: Welches Handwerk oder welche Handarbeit man immer auch tut, man kann darin versinken, zur Ruhe kommen, sich entspannen. Der Kopf wird frei, die Hände tun etwas Schönes und das Herz wird glücklich. 6

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