baldeggerjournal

Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franz Stimmt‘s? Sie hat nichts genützt, deine Predigt zu den Tauben. Die Schnelligkeit ihres Vermehrens scheint ungebremst zu sein. Lese ich doch beim Tiefbau- und Entsorgungsdepartement der Stadt Zürich: «Jährlich 80 Tonnen Taubenkot in der Stadt Zürich!» Oder in der Zeitung steht: «Es hat zu viele Tauben. Die Vögel vermehren sich rasant, verbreiten Dreck und Ungeziefer.» Ist das in Assisi anders? Schnelligkeit: das Thema der Beschleunigung ist heute aktueller als zu deiner Zeit. Es betrifft zwar weniger die Fortpflanzung der Vögel als unseren Alltag. Unsere heutige Lebensart würde dir nicht gefallen. Wir leben in einer Zeit permanenter Reizüberflutung und Beschleunigung, was dazu führt, dass uns die Gelassenheit fehlt, um bewusst in der Gegenwart zu leben. Und doch sehnen wir uns danach, weniger Stress im Alltag zu haben. Deine Mahnung an die Tauben «ihr achtet offensichtlich zu wenig auf die innere Kraft und Energie», ist durchaus passend auch für uns. Wenn du wüsstest, wie viele Burnouts es heutzutage gibt. Diesen Begriff gab es zu deiner Zeit noch gar nicht. Sagen wir mal so: es ist ein Erschöpfungssyndrom als Folge von Überbeanspruchung. Es fehlen die innere Kraft und Energie. In der Antike war Gelassenheit eine wichtige innere Einstellung, die Haltung, mit Besonnenheit zu handeln. Die Moderne mit zunehmendem Aktivismus liess deren Bedeutung kleiner werden. Heute gewinnt das Innehalten wieder an Ansehen und ist oft eine Notwendigkeit. Hektik führt zu Überforderung und Unzufriedenheit. Das «Immer-schneller-immer-mehr» bringt mehr Arbeit mit sich und nimmt uns letztlich die Lebensfreude. Diesbezüglich kannst du uns Vorbild sein, Bruder Franziskus: Du hast das rechte Mass gesucht an Geschäftigkeit und Ruhe. Dein Leben und deine Lebensform waren zwar von Dynamik geprägt, von einem Gehen und Drängen. Aber zugleich war es dir wichtig, immer wieder innezuhalten, innere Kraft und Energie zu sammeln. Du hast erkannt: Wenn der Rhythmus immer schneller wird und letztlich nicht mehr stimmt, führt das zu Überforderung und Angst. Diese treibt an, beschleunigt, zwingt zum Handeln und verhindert das Warten. Wo bleibt da die Seele? Du hast dich immer wieder zurückgezogen in die Einsamkeit der Berge, um im Gebet Kraft zu finden für deinen Auftrag in der Welt. Gestärkt bist du wieder durch die Welt gezogen und hast die Menschen teilhaben lassen an der Wirklichkeit Gottes. Du wähltest oft abgelegene Orte, um Christus in der Einsamkeit zu begegnen. In der Stille klärte sich für dich, was Gott durch dich wirken und verkünden wollte. Wenn wir ehrlich sind, sehnen wir uns heute oft danach, irgendwo in Ruhe ungestört überlegen zu können, was zu tun ist. Doch, wie oft sind wir gehetzt und unzufrieden. Wir sind geprägt vom Zwang ständiger Erreichbarkeit, von vollen Terminkalendern, Multitasking und vielem mehr. Uns fehlt der Mut, Rückzugsorte zu schaffen und zu reduzieren. Zugleich halten wir das Alleinsein oft nur schwer aus und fliehen in Zerstreuung. Ich bin überzeugt, dass wir wie du Rückzugsorte und Stille brauchen, um zu erkennen, wie ein zufriedenes, sinnvolles Leben aussieht. Aber du weisst aus eigener Erfahrung, wie viel Mut es braucht, ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen. Die Liebe zur Stille, das Achten auf die innere Kraft und Energie, sind wichtige Merkmale von dir, Bruder Franz. Und du bist nicht der Einzige: Auch Mahatma Gandhi hat dies erkannt und gelebt. Er sagte dazu: «Es gibt wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.» Versuchen wir, dies zu beherzigen, damit auch unsere Seele nachkommt. Frohe Grüsse Deine Sr. Nadja «Liebe Schwestern Tauben, in der Einfalt eures Denkens und in der Schlichtheit eures Herzens haltet ihr unbeirrt fest an dem Auftrag, der euch gegeben ist, nämlich Gott anzubeten, der euch ermächtigt, Frieden zu künden und Hoffnung zu zeugen. Wie schön wäre es, wenn die Schnelligkeit, mit der ihr euch vermehrt, auch dazu beitragen würde, dass wir dem Frieden wirklich näherkommen. Doch ihr achtet offensichtlich zu sehr auf die Zahl und die Menge und zu wenig auf die innere Kraft und die Energie der Seele. Denkt daran: Wenige vermögen oft mehr als viele. Entdeckt und schürt diese Kraft in euch.» (Predigt zu den Tauben, Franz von Assisi) 12

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