Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franziskus «Warum läuft gerade dir alle Welt nach?» Eine berechtigte Frage deines Mitbruders Masseo. Du warst ein Träumer, weltfremd, naiv, hast die Welt weder nüchtern noch sachlich gesehen, den Eltern und dem Bischof dadurch Ärgernis gegeben. Einem solchen Menschen läuft man doch nicht nach! Man läuft jemandem nach, den man als Vorbild verehrt, der einen in positives Staunen versetzt. Aber einem Träumer? Oder etwa doch? Du zählst heute zu den bedeutendsten Personen der Kirchengeschichte. Viele Menschen sind deinem Vorbild nachgeeifert und tun dies bis heute. Sogar unser Papst trägt deinen Namen. Warst du doch mehr Realist als Träumer? Ein Realist akzeptiert die Welt so wie sie ist. Du aber wolltest sie verändern. Die Dinge nüchtern oder sachlich betrachten wolltest oder konntest du nicht. Also warst du eher ein Träumer, versonnen, irgendwie wirklichkeitsfern, in Gedanken oder im Gebet versunken. Warum also, läuft gerade dir alle Welt nach? Bei dieser Frage kommt es mir vor, wie wenn ich ein Kunstwerk zwar bestaune, aber nicht verstehe. Bestaunen tue ich es, weil es mich anzieht und mir irgendwie gefällt. Aber es entspricht nicht meinen Vorstellungen von dem, was der Künstler schaffen wollte. Das Kunstwerk beschäftigt mich. Doch ich möchte es nicht in meiner Nähe haben. Dies vielleicht deshalb, weil es mir in der Nähe etwas aufzeigen könnte, das eine Veränderung nötig machen würde. Es könnte bei mir einen wunden Punkt berühren. Du hattest den Traum von einem geschwisterlichen Zusammenleben mit der ganzen Schöpfung. Dein Leben war nicht Träumerei, nichts Leichtfertiges, Substanzloses, sondern die konkrete Vorstellung von einem besseren Leben für alle. Du hast deinen Träumen geglaubt, sie ernst genommen und in die Tat umgesetzt. Du hast deine eigene Realität geschaffen und gezeigt, dass Träume Realität werden können. Du warst offen und wach für den Willen Gottes. Du bist nicht gekommen, um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen oder den Menschen zu gefallen, sondern um Gottes Willen zu tun, so wie du ihn für dich erkannt hast. Wer so lebt, sieht sich nicht als Träumer. Das mahnt mich an Weihnachten, an das Kommen Jesu und an sein Wirken. Auch Jesus ist nicht gekommen, um den Menschen zu gefallen, sondern um den Willen des Vaters zu erfüllen. Auch er hat die Menschen fasziniert, aber wurde von ihnen nicht verstanden. Dich, Franziskus, hat das «Herunterkommen» Gottes zu den Menschen beeindruckt und angeregt, Jesu Demut und Armut nachzueifern. Du selber hast bis heute immer wieder Menschen fasziniert und dadurch motiviert, ihre Träume zu verwirklichen. Tommaso Campanella (1568-1639) hat es so formuliert: «Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!» Du hast es getan. Von dir können wir lernen, der Sehnsucht zu folgen, offen und wach zu sein für Veränderungen und für den Anruf Gottes. Warum also läuft gerade dir alle Welt nach? Ich glaube, weil du uns Mut gemacht hast, wieder Träume und Hoffnung zu haben, sie Realität werden zu lassen. Danke, Bruder Franziskus! Pace e bene! Deine Sr. Nadja «Bruder Franz, warum läuft gerade dir alle Welt nach? Alle sehen scheinbar nur dich. Du bist nicht schön, du bist nicht gelehrt, du bist nicht edel; warum also läuft gerade dir alle Welt nach?» fragte Masseo, ein Mitbruder, den Hl. Franziskus. 13
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