Aus Nacht wird Tag: Hoffnung Die Nacht steigt auf. Mit jedem Tag schneidet sie sich etwas von dessen Licht ab und lässt ihn im Dunkel versinken. Für viele Menschen kommt jetzt eine schwere Jahreszeit. Mit der zunehmenden Dunkelheit und dem nasskalten Wetter macht sich ein beklemmendes Gefühl breit. Depressionen, Zukunftsängste, Einsamkeit kriechen aus ihren Schattenlöchern. Die aktuellen Mahnungen, aufgrund der Energieknappheit nicht zu viele Lichter anzuzünden und nicht zu sehr zu heizen, verbinden das Dunkel mit Kälte. Noch mehr bedrückt der Kriegszustand. Leben wir in einer verkehrten Welt, in der einzelne wahnsinnige Personen zu immenser Macht aufgestiegen sind und damit zugleich den Abstieg von unzähligen Menschen in den Tod mitverantworten? Ein Licht und einen fulminanten Kontrapunkt in dieser Zeit setzt für mich Maria. Im Magnifikat tritt sie prominent und in direkter Rede auf. Ihr Loblied ist ein Hoffnungsruf, das Christinnen und Christen mitten im Wirrwarr dieser Welt jubeln. Tagtäglich wird es von Heerscharen von Gläubigen weltweit in der Vesper gebetet. In der Adventszeit erhält es nochmals eine besondere Hervorhebung als Wegweiser auf Weihnachten hin, auf das Kommen des Lichtes der Welt. Leider droht die Sprengkraft des Liedtextes in der Routine des täglichen Gebets bisweilen zu kurz zu kommen. Maria tritt hier nicht, wie so oft in der Volkskunst abgebildet, als sanftes, zurückhaltendes Mädchen oder umgekehrt als Königin mit den Insignien weltlicher Herrschaft auf. Vielmehr ist sie eine kühne Prophetin. Sie verkündet den Aufstieg einer gänzlich neuen Herrschaft, die so ganz und gar nichts mit der Logik der Machtherrschaft der Einflussreichen in dieser Welt gemein hat. Im Präsens (!) prophezeit Maria den Abstieg der Hochmütigen, den Sturz der Mächtigen. Die Erhöhung wiederum gilt den Niedrigen, sprich: den Armen, Marginalisierten, Leidenden. Das Magnifikat knüpft an Heilsverheissungen aus dem ersten Testament an. Diese gipfeln in der Menschwerdung Gottes und vollenden sich in den Seligpreisungen Jesu. Wer die Erfahrung von Gottes Heilshandeln im eigenen Leben (noch) nicht gemacht hat, mag den Hymnus der schwangeren Maria als Utopie abtun. Christinnen und Christen sind dazu berufen, aus der befreienden Sprengkraft des Glaubens genährt, die vermeintliche Utopie, selbst im hintersten und unscheinbarsten Winkel der Dunkelheit, zu einem realen Hoffnungsschimmer werden zu lassen. Weil Gott selber handelt und es Gott selber ist, der Hoffnung schenkt und nährt, braucht niemand Angst vor Überforderung oder Misserfolg zu haben. Die Nacht der Angst macht Platz für das Licht der Hoffnung. Jedes Magnifikat, besonders jetzt in der Adventszeit, ist ein Appell, das Lied Mariens zu unserem eigenen zu machen, mutig und voller Zuversicht das Dunkel in unserem Leben und im Leben anderer Menschen wegzusingen und wegzuhoffen. Maria verkündet den Aufstieg des Lichts, der bereits geschehen ist. Wir feiern es an Weihnachten: Gott ist in unserer Welt! Der Tag steigt auf. Dr. Felix Gmür, Bischof Bistum Basel 15
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