baldeggerjournal

4 Der Suche nach dem Guten Zeit schenken Sr. Gabriele Martin ist eine deutsche Maria-Ward-Schwester, die die Baldegger Schwestern schon zum zweiten Mal in ihrem Generalkapitel begleitet. Das Generalkapitel findet alle sechs Jahre statt. Es ist das grosse Innehalten im Kloster, wo die «Regierung» des Klosters, nämlich die Generalleitung gewählt wird, die das Kloster in den folgenden Jahren führen wird. Am nächsten Kapitel im Sommer 2023 wird zudem über strategische Fragen für die Gemeinschaft entschieden. Bevor wir uns über das Generalkapitel unterhalten, will ich von Sr. Gabriele wissen, wie und wie schnell sie von München ins Seetal gekommen ist. «Ich bin mit dem Auto gekommen, aber ich bin eine sparsame Autofahrerin», antwortet sie mir. «Ich fahre höchstens mit 120 km, weil man ja nicht allein auf der Welt ist.» Und sie spannt ihre Gedanken gleich weiter, denn Fragen nach dem Beschleunigen und Innehalten gehören für sie zu den wichtigsten Lebensfragen: «Was ist meine eigene Lebensgeschwindigkeit, und wie finde ich diese, das ist zentral für mich. Dabei halten mich viele Menschen für schnell, und das stimmt auch. Ich bin aber schnell und langsam zugleich, weil ich mir vor dem Handeln immer Zeit nehme, um alles vorzubereiten und durchzudenken.» Wo es Schnelligkeit im Leben gibt, gibt es also auch Langsamkeit. Sr. Gabriele verweist auf ein wichtiges Wort in der jesuitischen Philosophie, das «Verkostigen». «Das ist, wie wenn ich ein Brot esse! Wenn ich es nicht lange genug kaue, dann entwickelt es keinen Geschmack. Man muss sich Zeit im Leben nehmen, um dieses zu geniessen, und das gilt auch für das geistliche Leben.» Dank ihrer Langsamkeit hat Sr. Gabriele auch ihre Berufung gehört, so lebt sie ihr geistliches Leben: «Man muss diese Haltung aber auch üben, immer wieder, und insbesondere in den jährlichen Exerzitien, den Übungen des Rückzugs und des Schweigens.» Als Schwester hat sie dieses Innehalten jahrelang eingeübt, wie aber ist ihr Blick auf die beschleunigte Welt draussen? Können Menschen, und insbesondere junge Menschen, noch innehalten? «Das können sie», sagt Sr. Gabriele aus ihrer Erfahrung in der Jugendarbeit heraus. «Ich versuche, es ihnen vorzuleben und mit ihnen zusammen zu üben. Sie mussten lernen, zuzuhören und abzuwarten, bis jemand fertiggesprochen hat. Und Pausen machen finde ich ganz wichtig.» Die Fülle der Informationen, die auf uns alle hereinprasseln, die digitalen Plattformen und Netzwerke machen es immer schwerer, innezuhalten. Schnelligkeit gilt als Qualität, und die Ungeduld ist eine Tugend, insbesondere bei Managern und Managerinnen: «In dieser Hochgeschwindigkeit durch das Leben zu rauschen, tut aber nicht allen gut. In jedem Moment sollten wir wissen, ob die Geschwindigkeit uns bestimmt und ob wir noch bremsen können.» Gibt es für sie Geschwindigkeiten, die zu Lebensaltern passen? Wie steht es mit dem Alter, mit ihrem Lebenskontext Kloster, wo sie mit vielen alten Menschen lebt? Sr. Gabriele erzählt mir, dass sie beim Eintritt ins Kloster davor gewarnt wurde, dass sie in ein Altersheim eintrete. Sie hat gelernt, damit zu leben: «Es braucht Toleranz und Gelassenheit, um sich gegenseitig die passende Geschwindigkeit zuzugestehen. Jede Person hat eine individuelle Geschwindigkeit, und diese regelt sich ganz von allein bis in die Holzkiste hinein.» Sr. Gabriele lacht und fährt aber ernst weiter: «Das geistliche Leben hilft und macht es uns leichter, immer wieder innezuhalten, das gehört zu unserem Tagesrhythmus mit dem Stundengebet. Es braucht halt einfach Zeit, bis die Psalmen gebetet sind.» Für Sr. Gabriele sind diese Momente des Innehaltens im Beten jeden Tag und die jährlichen Übungen der Exerzitien wertvoll, weil sie geschenkte Zeit sind, um über das Leben nachzudenken. Diese jahrhundertealten Praktiken sind heute nur noch wenigen bekannt. Könnte die Gesellschaft, die sich in einer Beschleunigungsfalle befindet, davon nicht mehr profitieren? Sie denkt nach: «Wenn eine Sr. Gabriele Martin im Gespräch

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