Zwei Bilder – ein Leben 19 Das ist meine Professfoto von 1956 mit den Eltern. Ich bin in der Mitte, links ist Sr. Josefa und rechts Sr. Pia-Rita, sie sind vor mir ins Kloster gegangen. Ich habe mir damals gedacht, wenn meine beiden Schwestern glücklich sind in Baldegg, dann könnte ich es dort auch werden. Rundherum sind die Brüder und Schwestern. Das gibt es ja heute nicht mehr, so eine Familie mit vierzehn Kindern! Ich muss aber sagen: wir hatten eine sehr schöne Familie, die Eltern waren immer lieb zu uns. Nie gab es ein Unwort zwischen den Eltern. Sie waren – tütsch gseit – sehr fromm. Wir haben viel miteinander gebetet. Für die Geschwister, die bereits fort waren, fügten wir täglich ein zusätzliches «Vater unser» an. «Eigentlich ist das nicht ganz recht», so habe ich einmal zur Mutter gesagt, «wir sind ja auch noch da.» Mutter sagte nur: «Ihr seid ja mit dabei und wenn du einmal fort bist, dann beten wir auch für dich.» Ich muss ehrlich sagen, wenn es mir später einmal nicht gut ging, habe ich immer gedacht: Die daheim beten jetzt auch für mich. Das hat mir geholfen. Das Morgen- und das Abendgebet beteten wir immer alle zusammen, oft auch den Rosenkranz. Wenn eine meiner Schwestern heiratete und der Bräutigam sie daheim abholen kam, dann knieten der Vater und die Mutter zuerst mit Braut und Bräutigam in der Stube vor dem Kreuz nieder, um mit ihnen den Segen Gottes für die Ehe zu erbitten. Das machten sie auch mit mir, bevor ich ins Kloster ging. Mein Vater hatte eine Schwester im Kloster Ingenbohl und drei Brüder: Onkel Alois, Pater Raphael in Engelberg und Onkel Bischof von St. Gallen, der Josephus Meile hiess. Jedes Jahr waren sie einmal bei uns zum Mittagessen eingeladen. Mutter kochte und Vater ass mit ihnen in der Stube. Wenn wir in der Küche fertig gegessen hatten, mussten wir antraben, um Grüezi z’säge. Das gab immer ein kleines Theater. Keines wollte zuerst in die Stube. Denn alle wussten: die ersten drei mussten dem Onkel Bischof den Ring küssen. Beim dritten Kind sagte er immer: «So, es tuet’s.» Als ich vor meinem Klostereintritt noch ein paar Wochen im Bischofshaus ausgeholfen hatte, musste ich den grossen Saal putzen. An der Wand hingen grosse Bilder von allen Bischöfen. Ich habe gedacht, wenn ich die nicht herunternehme, ist nicht sauber geputzt. Ich hatte es nämlich gerne sauber. Das Herunternehmen ging eigentlich noch gut. Aber als ich sie wieder aufhängen wollte, merkte ich bald, dass das nicht mehr ging. Kurzentschlossen klopfte ich am Studierzimmer vom Onkel Bischof und sagte: «Gnädige Herr, würdet Sie mir cho g’ho helfe, die Manne ufhängge?» «Ja, was für Manne», fragte er? «Was, du hast die alle heruntergenommen? Typisch Fraue, es muess immer putzt sii.» Dann hängte er sie wieder auf und fragte dann: «Häsch numol öppis, wo ich dir cha mache?» Dass ich so ungeniert den Bischof geholt hatte, gab dann schon zu reden. Wir haben ihm nicht «Du» gesagt, auch der Vater nicht. Weil ich immer ein wenig gwunderig war, fragte ich den Vater einmal, warum er seinem Bruder «Sie» sage. Er antwortete immer sehr präzise und knapp: «Aus Ehrfurcht.» Da wusste ich es. Im Kloster bin ich praktisch auf allen Aussenposten gewesen. Ich löste jahrelang die Köchinnen ab, wenn eine krank war oder damit sie Exerzitien und Ferien machen konnten. Frau Mutter hat mir oft gesagt, sie sei so froh, dass ich bereit sei, Ablös zu machen. Die ersten Tage auf der Aushilfe habe ich jeweils nicht gut geschlafen. Ich machte mir Sorgen, ob ich es den Studenten recht mache, ob es mit den Diäten im Spital klappt, ob die Menge stimmt, usw. So habe ich halt viel zum Heiligen Geist gebetet, er hat mir immer wieder das Richtige eingegeben, auch bei kleinen Sachen. Im Spital in Romanshorn brachte die Krankenschwester einmal weinende Zwillinge in die Küche. Sie wisse nicht mehr, was sie mit den Buben anfangen könne. Die hätten eine heillose Angst vor der Mandeloperation. Ich gab ihnen eine Glace und sagte, dass sie nach der Ops wieder eine bekommen würden. Da waren sie getröstet. Nach der Ops standen sie dann wieder in der Küche. Auch wenn ich viele strenge Posten hatte: ich habe trotzdem viel Schönes erlebt. Und wenn’s schwierig wurde, habe ich immer gedacht: Jä, nu, in Gott’s Name, jetzt ist es halt so. Ich muss mich darein schicken. Das habe ich daheim gelernt. Damals bei der Profess hat mein Vater gesagt: Wenn du nicht glücklich bist, so kannst du jederzeit heimkommen. Seither sind 65 Jahre vergangen, und ich bin immer noch im Kloster. Alle auf dem Foto sind gestorben, nur ich lebe noch. So betet daheim jetzt niemand mehr für mich. Aber ich bete weiter für meine Nichten und Neffen und ihre Familien. mrz Beten lernte Sr. Reinhilde Meile daheim
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