baldeggerjournal

Zwei Bilder – ein Leben 19 Das ist unsere Familie im Jahr 1944. S’Vreneli, unsere Jüngste, war da noch gar nicht auf der Welt, wir haben sie später einfach auf der rechten Seite auf die Foto geklebt. Das war Muettis Wunsch, alle auf einer Bank! Schön, nicht wahr? Ich war schon im Kloster, als sie auf die Welt kam. Kaum war sie geboren, befestigte mein Vater ein Körbli auf seinem Velo, bettete das Neugeborene hinein und fuhr ins Kloster, um mir mein Schwesterchen zu zeigen. Da ganz links aussen bin ich, s’Nummeri 1, dann kommt s’Lisebeth und s’Marie. Sie ist in Solothurn und gehört zum Seraphischen Liebeswerk. Von den Mädchen leben nur noch s’Marie und ich. S’Nummeri 4 ist Sr. Damascena, sie war auch eine Baldegger Schwester. Sie wirkte in Tanzania und Papua Neuguinea genau wie ich; sie länger in Neuguinea, ich länger in Tanzania. In Tanzania war ich daheim, in Neuguinea nur auf Aushilfe. Die dauerte vier Jahre und vier Monate. Ich war zuständig für die 33 «Mutter-undKind-Kliniken». Jede zweite, dritte und vierte Woche fuhren wir hinaus in den Busch, immer wieder in ein anderes Tal. Jedes hatte seine eigene Sprache, ich brauchte immer einen andern Dolmetscher, der mir die Sorgen der Leute ins Englisch übersetzte. Als Entgelt erhielten wir ein Stück Holz oder etwas Gemüse oder Süsskartoffeln. Geschlafen haben wir in Buschhäuschen in unseren Schlafsäcken. Am Freitagnachmittag ging’s heimzu über die vielen verlotterten Holzbrücken. Ich nahm oft einige Bretter im Auto mit, damit wir uns selber helfen konnten, wenn die Brücken allzu schlimm waren. Ich wollte immer Krankenschwester werden und in die Missionen gehen. Im Kloster musste ich daher zuerst die Realschule nachholen. Der Pfarrer hatte halt meinem Vater gesagt, er sei nicht nötig, dass ich die Sekundarschule besuche, ich würde ja bestimmt einen Bauern heiraten! Es war schon so, ich half dem Vater, wo ich konnte. Ich bin sogar etwas verspätet ins Kloster eingetreten, weil ich nachts noch einer Kuh beim Gebären helfen musste; mein Vater war gerade krank. In Tanzania habe ich tausende Kinder auf die Welt gebracht, sogar den Bischof Salutaris. Ich wurde zu seinem Fest eingeladen. Plötzlich verkündete man, es gebe eine Sensation, die Hebamme des Bischofs sei auch da. So gab es für seine Mutter und mich einen ohrenbetäubenden Applaus, es waren ja 400 Gäste da. Der Bischof kam in Mtimbira auf die Welt, einer weit abgelegenen Buschstation. Hier habe ich 1961 angefangen. Eigentlich hätte ich in Dar es Salaam eingesetzt werden sollen, aber bei der Ankunft hiess es, ich solle die Koffern nicht auspacken, ich müsse zur Aushilfe nach Mtimbira. Diese dauerte dann 15 Jahre! Von dieser Zeit könnte ich ein Buch schreiben. Ich schreibe gerne, vielleicht habe ich das vom Vater geerbt, er schrieb ab und zu in die Zeitung. Ich erinnere mich beispielsweise an die Masernepidemie in Mtimbira, die mit viel Aberglauben verknüpft war. Die Einheimischen versteckten die Kranken, schmierten die Körper von oben bis unten mit Lehmbrei ein, zum Abkühlen. Viele verdursteten, jeden Tag gab es weiss Gott wie viele Beerdigungen. Als ein verzweifelter Vater uns einmal heimlich seine ganze Familie brachte und wir sie gesund pflegen konnten und sie dazu noch schön einkleideten, war das Eis gebrochen. Plötzlich kamen sie in Scharen auf die Station, wir hatten oft bis zu 60 Masernkinder in einem Raum, mehrere in einem Bett. Nach dieser grausamen Epidemie war es dann nicht schwierig, die Mütter zu gewinnen, dass sie ihre Kinder impfen liessen. Als ich 1983 von einem Urlaub nach Tanzania zurückkehrte, konnte ich nur den Koffer im Regionalhaus abstellen – und schon musste ich zu den Kapuzinern ausrücken, um einen schwer erkrankten Missionar zu pflegen. Ich war neu dafür bestimmt, in Dar es Salaam für die Kranken der Diözese zu sorgen. Ein Pater hatte die Regionaloberin zwar vor meiner Ankunft noch zweifelnd gefragt: «Ja, was soll denn diese Schwester hier tun, herumsitzen und warten, bis jemand krank wird?» Er war dann mein erster Patient. Im Gartenhaus des Regionalhauses richteten wir Zimmer für die Kranken ein. Einmal hatten wir sieben Karmelitinnen bei uns, die hatten vergifteten Spinat gegessen. Als ich am Mittag mit ihren Resultaten vom Spital heimkam, läutete das Telefon und eine Stimme sagte: «Jo Schwöschter, mer esch...», dann knallte etwas und es war still. Ich wusste sofort, das war die Stimme des Schweizer Botschafters. Ich raste in die Botschaft. Den Konsul, der mich beschwichtigen wollte, liess ich stehen und eilte in die Küche. Der Koch führte mich zum Zimmer des Balozi. Der lag in voller Kleidung quer auf dem Bett, der Telefonhörer am Boden, kein Puls, bewusstlos. Ich rief den Herzspezialisten. Mit lang andauernder Herzmassage kam der Botschafter endlich wieder zu sich. Ich pflegte ihn in der Botschaft, bis er in die Schweiz für die Herzoperation reisen konnte. Für mich war es eine schöne Zeit, ich konnte so vielen Missionaren, Schwestern und Priestern in Dar es Salaam helfen. Wenn sie Malaria hatten, brachte man sie mir. Eine starke Malaria ist übrigens nicht lustig, meist sind die Patienten dann ein paar Tage «aus dem Häuschen», bis die Medizin wirkt. Heute bin ich selber im Pflegeheim und bin auch froh, wenn die Medizin wirkt und ich gut betreut bin. mrz Sr. Josefata Schürmann könnte ein Buch schreiben

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