Zwei Bilder – ein Leben 19 Nein, nein, mein Name hat nichts mit der Kasse zu tun, die ich hier im Kloster verwalte. Ich heisse so, weil mein Grossvater und mein Vater Kassian hiessen, auch mein Bruder war einer. Unsere Kirchenpatrone in Sargans heissen halt Kassian und Oswald. Das Sarganserland hat mich schon geprägt, ich bin naturverbunden, habe Freude an den Blumen, am Gestein, am Vieh und den Bergen. Schon als Kind wusste ich, dass ich Schwester werden möchte. Das kam so: unser sterbenskranker Grossvater wurde in unserer Stube gepflegt. Eines Tages sagte Vater: «Chinde, hüt chönd ihr am Nini adieu säge, er wird die Nacht nicht überleben.» Im Gänsemarsch sind wir sieben Kinder in die Stube marschiert, die Mutter mit dem einjährigen Franzsepp auf dem Arm am Schluss, eins nach dem andern hat ihm Adieu gesagt. Mutter dankte dem Nini für alles, das beeindruckte mich. Am Morgen war eine Ingenbohler Schwester aus dem Waisenhaus da und sagte uns, dass Grossvater nun im Himmel sei. Während sie so zu uns redete, dachte ich, so eine Schwester möchte ich auch werden. Und so ist es geblieben. Fürs Kloster Baldegg habe ich mich entschieden, weil der Prospekt von Baldegg mich am meisten angesprochen hat. Er trug den Titel: Komm und folge mir. So bin ich 1962 mit dem Zug nach Baldegg gefahren. Mutter wäre es lieber gewesen, wenn ich noch ein Jahr gewartet hätte. Aber ich habe ihr gesagt, ich bin schon angemeldet und es bleibt dabei. Meine Kinderlähmung hat mich eigentlich in keiner Art und Weise in meinem Leben gehindert: ich konnte wie andere Schwestern in die Berge in die Ferien. Mit den beiden Schwestern auf der Foto bin ich oft in Montana gewesen. Warum ich damals in der 1. Klasse diesen Virus erwischte, hat niemand herausgefunden. Eines Morgens konnte ich einfach nicht mehr aufstehen. Mutter rief den Vater, der Vater rief den Doktor. Der brachte mich dann nach Walenstadt ins Spital. Ich wurde isoliert, konnte nur wie ein Scheit im Bett liegen, das man immer wieder drehen musste. Meiner Mutter gefiel das gar nicht, sie kam mit einer Frau von der Pro Infirmis und die sorgte dafür, dass ich ins Balgrist verlegt wurde. Den Transport übernahm mein Vater persönlich, er trug mich in den Zug und in Zürich in den Bus und dann bis ins Balgrist hinauf. Im Balgrist schleipften mich zwei Pflegerinnen schon bald durch den Gang, immer am Morgen und am Nachmittag. Nach vierzehn Tagen konnte ich bereits auf den Beinen stehen. Im Balgrist durfte ich auch zur Schule, ich lernte lesen und das Einmaleins. Zwischendurch verlegten sie mich nach Ragaz, um mit Wassertherapie Fortschritte zu erzielen. Nach drei Monaten konnte mich mein Vater wieder im Balgrist abholen. Am Bahnhof in Mels stand mein Bruder mit einem Wägelchen bereit. Der Vater stellte mich hinein und so zogen sie mich heim. Ich konnte wieder in die Schule, in die gleiche Klasse. Ich kann mir noch lebhaft vorstellen, wie wir uns alle gefreut haben, wieder zusammen zu sein. Mein erster Posten im Kloster war in der Verwaltung des Spitals in Breitenbach, ich machte die Buchhaltung, die Löhne, Rechnungen, einfach alles. Nebenbei musste ich die Spitalsprache richtig lernen. Ohne weiteres konnte ich einen Medikamentenname falsch betonen und wurde dann an- oder ausgelacht. Es waren lange Tage, oft von 5 Uhr morgens bis abends spät. Zeit zum Zeitunglesen oder so hatte ich nicht mehr. Kein Wunder, dass ich Veränderungen nur vom Hörensagen kannte. So wollte ich einmal am Schalter ein Billett lösen: Breitenbach – Baldegg retour, 3. Klasse. Der Bähnler sagte: «Ah, mit dem Viehwagen». Ich hatte gar nicht bemerkt, dass die SBB die dritte Klasse schon längst abgeschafft hatte. So habe ich mein ganzes Klosterleben im Büro verbracht, nach Breitenbach im Kinderalbula in Davos und nun seit über vierzig Jahren im Mutterhaus. Das online banking fordert mich heute schon etwas heraus. Aber ich mache es trotzdem gerne. Und freue mich immer, wenn die Kasse stimmt. mrz Sr. Cassia Müller verwaltet die Klosterkasse v.l.n.r.: Sr. Frowina, Sr. Lukretia, Sr. Cassia
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