baldeggerjournal

Zwei Bilder – ein Leben 19 Mit dem Handorgeln habe ich daheim in der fünften Klasse begonnen, ich durfte Stunden nehmen. Zuerst habe ich die Handorgel gar nicht mitgenommen ins Kloster. Als ich bei den Kindern eingesetzt war in Leysin und Davos, holte ich sie wieder daheim. Diese Foto stammt aus meiner Zeit in Amden. Da haben wir am Abend in der Nähe der Grotte gesungen, und ich spielte lüpfige Stückli. Die Muttergottes hatte sicher Freude daran. Das hatten auch die Gäste in der Oberwaid, wenn ich altbekannte Lieder spielte. Eine hat mir gesagt, bei ihr nütze das mehr als alle Pillen. Mit einem Kurgast musste ich jeden Abend alle Strophen des Liedes «So nimm denn meine Hände» singen. Dann war er überglücklich, und seine Frau sass neben ihm und sagte jeweils: «Jetzt haben sie ihm die grösste Freude gemacht.» Überhaupt habe ich überall gerne für die betagten Leute gesorgt und viel Schönes erlebt. Im Kurhaus Oberwaid wollte eine Frau unbedingt, dass ich bei ihrem Sterben dabei sei. Also bestellte sie eines Tages den Coiffeur, dann den Pfarrer. Er musste ihr die Krankensalbung geben. Dann rief sie mich. Ich musste zwei Fauteuils nebeneinander stellen und mich in einen setzen, sie setzte sich in den andern und nahm meine Hand in ihre. Dann sagte sie laut zu sich selber: «Hör uf schnuufe, hör uf schnuufehh, hhhh, huuhh.» Etwa zehnmal ging das so. Passieren tat halt nichts. Sie musste dann in ein Pflegeheim. Zum Abschied küsste sie mir die Hand. Und nach zehn Tagen ist sie auch ohne mich gestorben. Als ich noch daheim auf unserem schönen Hof war, habe ich immer gesucht und gekämpft, was mein Weg sei. Mit meinem Baba bin ich viel mit dem Ross durch die langen Ackerfurchen gelaufen. Dabei habe ich immer gebetet: «Lieber Gott, führe mich hin, wo ich dir am liebsten bin». An Pfingsten 1956 hat es sich für mich entschieden, in der Schosswaldkapelle. Im Computer kann man nachschauen, was für eine schöne Kapelle das ist. Dorthin ging ich immer sonntagnachmittags, die Eltern meinten wohl, ich gehe zum Freund. Jedenfalls begannen sie, mir Leintücher für die Aussteuer zu schenken. Sie waren sehr überrascht, als ich ihnen sagte, ich hätte mich im Kloster angemeldet. Mir haben sie das nie zugetraut, meiner Schwester Franziska eher. Die war eine Brave. Uns hat das Gebet immer geholfen. Meine Mama erzählte mir einmal, dass sie nach der Geburt des achten Kindes sterbensschwach im Spital gelegen sei, eine St. Anna Schwester habe bei ihr gewacht. Dann habe sie diese im Korridor laut beten hören: «Lieber Gott, nimm doch lieber mich alte Schachtel und lass die Mutter zu ihren acht Kindern heimgehen». Wo ich am liebsten im Einsatz war? Das kann ich nicht sagen, ich habe mich immer bemüht, dort wo ich war, ganz da zu sein, den Ort zu geniessen, die Umgebung, die Schwesternfamilie und die Leute, für die ich sorgen durfte. Eigenartig, viele Fotos, die ich von mir habe, sind von der Fasnacht. Nicht das Verkleiden machte mir besonderen Spass, sondern zu sehen, dass ich damit den Leuten Freude machen konnte. In Susten, Amden und in St. Gallen haben wir Schwestern immer mitgemacht. Im Altersheim Ibenmoos hatte ich für solche Dinge fast keine Zeit. 14 Jahre lang war ich dort oben in dieser Abgeschiedenheit, wo Fuchs und Hase einander Gute-Nacht sagen. Darunter gelitten habe ich nicht. Es war der intensivste Posten, Tag und Nacht war ich gefordert. Hei, hei, da ist viel passiert. Links von meinem Schlafzimmer wohnten die Frauen, rechts die Männer. Wenn etwas los war in der Nacht, standen sie einfach bei mir im Zimmer. Einmal fluchte einer lautstark morgens um zwei vor meiner Türe: «I das Näscht ine goni nüme.» Als er nämlich auf der Toilette war, stieg ein anderer in sein Bett. Ich musste ihm mitten in der Nacht ein anderes Bett herzaubern. Im Ibenmoos gab es viele drollige Momente. Einmal schaute ich vor dem Mittagessen, ob auf allen Tischen eine Senftube sei. Irgendwo fehlte eine. So fragte ich einen Mann nach dem andern, wo diese sei. Einer sagte: «Die ist in meinem Hosensack, das ist doch die Salbe für mein Knie.» Ja, so war mein Leben. Viel Schönes hatte darin Platz, aber es gab auch anderes. Dann sehnte ich mich nach Stille und nach dem Alleinsein mit dem lieben Gott. mrz Sr. Rosata Lisibach hat gerne lüpfige Stückli

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