baldeggerjournal

Zwei Bilder – ein Leben 19 «Nina, verzell, wo d’Erde wüescht und leer gsi isch.» Das hat der kleine Kerl auf der Foto, der Claude, immer wieder zu mir gesagt. Bei jeder Schnecke blieb er stehen. Claude ist schuld, dass ich die Psychiatrieausbildung machte. Als ich daheim sagte, ich wolle Psychiatrie lernen, sagte meine Schwester Barbara: «Komm zuerst nach Basel.» Als ich dort auf dem Bahnhof stand, sah ich einen Buben, der alle Viere von sich streckte und schrie. Das war Claude. Daneben standen sein Vater und Barbara. Ich schaute meine Schwester an und dann den Vater. Sie sagte nur: «Wenn du das nicht aushältst, musst du nicht Psychiatrie lernen.» Mit seinen drei Jahren konnte der Bub kein Wort sprechen, nur wie verrückt schreien. Seine Mutter war schwerst depressiv. Ich habe ihn dann aufgepäppelt. Für mich war es eine äusserst schwierige Zeit, aber ich habe es ausgehalten, denn ich wollte Barbara beweisen, dass ich das kann. In mir regte sich nämlich stets Widerstand, wenn man mir sagte: «Das kannst du nicht.» Dieses Kämpferische im Innern, nicht im Äussern, hatte ich immer. Meine Geschwister hatte ich nicht verbal angegriffen, aber im Innern habe ich einfach gesagt: «Nei, nei». Als ich mich im Kloster vorstellte, sagte ich, dass ich vor dem Eintritt die Psychiatrieausbildung in Lausanne machen möchte. «Das können Sie auch bei uns», war die Antwort. Also schickte man mich nach der Profess nach Malévoz, wo die Baldegger Schwestern schon seit 1917 in der Psychiatrischen Klinik arbeiteten. Ich war ein richtiges «Landei». Als ich im Zug in Lausanne ankam, meinte ich bereits in Malévoz zu sein! Zu Beginn erlebte ich in Malévoz noch die Psychiatrie im «alten Stil». Die Schwestern hatten keinen freien Tag. Das änderte sich schlagartig, als Dr. Rey-Bellet die Verantwortung übernahm. Als Direktor vertrat er eine fortschrittliche Psychiatrie. Ihm war wichtig, dass die Patienten sich selber an die Hand nahmen. Alle mussten etwas arbeiten, und jeder wurde dafür bezahlt. Er verbot repressive Massnamen wie Zwangsjacken etc. und ordnete an, dass die Türen offen sein müssen. Als ich nach Malévoz kam, waren über 600 Patienten dort. Als ich wegging, waren es nur noch rund die Hälfte. Viele Patienten waren wohl wegen des günstigen Tarifs da: ein Tag in Malévoz kostete damals ja nur Fr. 2.–. Aber auch damit räumte Dr. Rey-Bellet auf. Den grössten Kampf in meinem Leben habe ich in Malévoz durchgestanden in der persönlichen Auseinandersetzung mit der Psychiatrie und der Psychologie. Da musste ich mir immer wieder sagen: «Gopfrid Stutz, das bin ich ja auch, das habe ich ja auch. Das mache ich auch, das ist bei mir auch so», bis ich nach zwei Jahren sagen konnte: «Das gehört zum Leben, und das ist normal.» Das war das Schwierigste. Als ich für die Stationsleitung vorgesehen war, durfte ich in Sursee die Ausbildung zur Krankenschwester absolvieren. Nach weiteren drei Jahren in Malévoz hätte ich dort in die Schule einsteigen sollen. In Baldegg sagte man «Wenn die das in Malévoz kann, dann kann sie es auch an unserer eigenen Schule.» So begann für mich eine weitere Ausbildungsphase. Ich holte mir während anderthalb Jahren am Unispital in Basel zusätzliche Spitalerfahrung, arbeitete dann als Unterassistentin in Schlieren auf der IPS, anschliessend folgte die Kaderschule. An unserer Krankenschwesternschule in Sursee wurde mir dann die Schulleitung übertragen. Insgesamt war ich 29 Jahre in Sursee, bis plötzlich das Ende der Schule kam. Es war eine sehr strenge, aber sehr schöne Zeit. Als Kind habe ich immer davon geträumt, etwas Grosses für den lieben Gott zu tun. So etwas versteht man heute ja nicht mehr. Aber so war es schon, als ich den kleinen Claude betreuen musste. Ich dachte, es gibt nichts Schöneres, als so ein Kind ins Leben begleiten zu dürfen. Das war mir auch bei den Schülerinnen wichtig. Sie sollen spüren, dass wir sie gerne haben. Dass ich nun in meinem Alter hier im Hospiz in Hurden wieder ans Krankenbett darf, empfinde ich als ganz besonderes Privileg. Im Hospiz ist das Wichtigste, den Sterbenden das Gefühl zu geben, dass sie aufgehoben sind. So kann ich auch hier ins Leben begleiten. mrz Für Sr. Thomas Scherer ist vieles ganz normal

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