17 Ich sitze in der zweithintersten Reihe und bin die Dritte von links. Wir sind am Waschlappen stricken. Bei uns in Altstätten haben die Schwestern vom Klösterli «Maria Hilf» unterrichtet. Ich bin immer zu Klosterfrauen in die Schule gegangen. Einige passten mir, andere nicht. Das ist normal, oder? Als ich ins Kloster ging, sagte Mama: «Weisst du noch, als du einmal von der Schule gekommen bist, die Mappe auf den Tisch knalltest und sagtest, «Jetz hani doch gnueg vo dene Chloschterfraue»? Mama hatte aber Freude, dass ich ins Kloster ging, auch mein Vater. Im Kloster konnte ich das Haushaltlehrerinnenseminar besuchen. Dann unterrichtete ich in Kerns und Wolhusen. Später musste ich die Verantwortung für das Kinderheim Mariazell und die Schwestern übernehmen. Zur damaligen Zeit wussten die Schwestern bei einem Oberinnenwechsel nicht im Voraus, wer ihre neue Vorgesetzte wird. Das war nicht lustig, weder für die Schwestern, noch für die neue Oberin. Ich weiss noch, dass ich bei der Fahrt nach Mariazell dachte, ich steige «hinderschi» aus dem Auto. Derweil witztelte im Spital Sursee ein Pater, dass die Schwestern in Mariazell drüben die «Denkmalenthüllung» hätten. Damit meinte er mich. Das war die Zeit des Umbruchs im Heimwesen. In Baldegg wurden damals die ersten Heimerzieherinnen ausgebildet. Diese jungen Schwestern brachten nun frischen Wind in die Heime. So gab es auch in Mariazell viele Veränderungen. Das war positiv. Natürlich taten sich nicht alle Schwestern leicht damit. Mir ging es ja auch so bei jedem Wechsel. Wenn ich so nachdenke, habe ich in meinem Leben oft das bekommen, was ich nicht wollte: Ich wollte nicht ins Kloster, und ich wollte nie Oberin sein. Wenn ich aber eine Weile an einem Ort war, dann habe ich die Aufgabe doch gerne bekommen, und wir hatten es schön miteinander. Darum denke ich wirklich, dass ich den Weg geführt worden bin. Das Kindsein hat mich das Schönste gedünkt in meinem Leben. Wenn wir als Kinder so spielen konnten, habe ich oft gedacht, die Erwachsenen händ ja nüd vom Läbe, die müend dä ganzi Tag schaffe. Trotz der Mobilmachung erlebte ich eine glückliche Jugend. Ich erinnere mich gut, als es 1939 geheissen hat, der Krieg sei ausgebrochen. Es war Mittag, als im Städtli alle Glocken läuteten. Mein erster Gedanke war: «Gott sei Dank haben wir letzte Woche den Schulausflug gemacht, jetzt könnten wir nicht mehr gehen.» Altstätten lag ja nahe an der Grenze, so hatten wir viel Militär. Das fand ich alles sehr interessant. Bald konnten wir auch die Zwei Bilder – ein Leben Soldatenlieder mitsingen. Eines gefiel uns besonders, und wir sangen inbrünstig mit den Soldaten «Ein Unteroffizier hat mir die Ehr genommen», bis eine Nachbarin rief: «Jetzt höret ämol uf. Ihr könnt doch singen‚ ‹hat mich am Ohr genommen›.» Das ist mir geblieben, auch die Verdunkelung und die Rationierung. Jeden Monat ging ich stolz aufs Rathaus, um die Märkli abzuholen. Noch heute spüre ich die angenehme Kühle, wenn ich jeweils barfuss die breite Treppe hinaufstieg. Später kam ich in die Oberwaid in St. Gallen. Ich besuchte dort die Haushaltungsschule. Nach diesem Jahr haben mich die Schwestern zum Bleiben überschwatzt, ich sei ja gar ein mageres, bleiches Mädchen. Ich könne im Garten helfen. Darüber war ich nicht unglücklich. Das Kurhaus Oberwaid hatte einen grossen Garten, im Sommer hatten wir soviel Kopfsalat, dass wir sogar das Kantonsspital beliefern konnten. Im Winter waren wir Mädchen im Saal tätig und mussten die Gäste unterhalten, bunte Abende gestalten oder Theaterspielen. So war ich in der Oberwaid einfach daheim. Auch nach vielen Jahrzehnten in der Innerschweiz fühle ich mich übrigens immer noch als St. Gallerin. Wenn ich irgendwo auf einer Anhöhe bin, frage ich mich zuerst: «Gseht mer ächt do dä Säntis?» Mein Lieblingsplätzli wäre dann bald einmal der Himmel! Jetzt bin ich ja schon bald 90 Jahre alt. Da studiert man auch mehr am Himmel herum. Früher habe ich immer gedacht, wenn ich dann älter bin, kann ich einmal faulenzen. Aber es ist eigenartig, jetzt, wo ich die Zeit dazu hätte, ist es gar nicht mehr das Gleiche. mrz Sr. Helena Pichler war ein glückliches Kind
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