17 Schon in der Sek wollte ich mit einem Gspänli nach Ceylon reisen. Mich reizte es, einfach öppis zu erleben. Das habe ich wirklich. Ich war 59 Jahre in Tanzania. Nach dem Diplom in Krankenpflege und der Hebammenschule ging‘s von Baldegg weg nach Tanzania, in den Busch. Ich war froh, dass ich daheim einfach aufgewachsen bin. Dort in Mtimbira gab’s an einem Tag Mais und Bohnen und am nächsten Bohnen und Mais, hie und da mal ein Hühnerbein. In Mtimbira habe ich vor allem Kinder auf die Welt gebracht. Als ich später mit Freude in Sofi das Spitöli führte und Frau Mutter bei ihrem Besuch sagte: «Was würdest du sagen, wenn du das verlassen müsstest?», sagte ich lachend, «das, was man in einem solchen Fall halt sagt: Vergelt’s Gott, Frau Mutter». Also ging ich für 26 Jahre nach Ifakara. Sechzehn davon war ich Spitaloberin. Übrigens stammt dieses Foto mit den Zwillingen aus dem Spital Ifakara. Damals gab es dort noch Schweizer Ärzte und Laienhelferinnen. Mit denen habe ich immer noch guten Kontakt. Das sind jetzt auch alles alte Frauen. Wie ich. Es war eine schöne, intensive Zeit. Wir Baldegger Schwestern hatten es oft lustig, auch mit den Kapuzinern. Ein Bruder in Kwiro brachte den Schwestern einmal Papayas. Sr. Pankratia sagte: «Das ist aber nett, dass du uns Papayas bringst.» «Ja, habt ihr denn keine? Wir geben sie den Schweinen.» Worauf Sr. Pankratia sagte: «Ja, weisst du, die Schweine kann man im Herbst metzgen, uns Schwestern nicht.» In Ifakara konnte ich schliesslich einer einheimischen Nurse meine Aufgabe übergeben. Darum kam ich 1988 nach Rhotia. Das ist im Norden von Tanzania. In Rhotia führten wir auch ein kleines Spital mit vielen ambulanten Patienten. Ich ging sie gerne im Busch draussen besuchen. Mich interessierte, wie es ihnen nach dem Spitalaufenthalt ging. So lernte ich die Leute besser kennen und verstand, warum vieles nicht funktionieren konnte. Zum Beispiel was die Hygiene betrifft. Ich entdeckte im Busch behinderte Kinder, für die schlecht gesorgt wurde. Ich habe mich dann besonders dieser handicapierter Kinder angenommen. So konnten sie richtig abgeklärt oder operiert werden und nötige Hilfsmittel bekommen. Ihre Mütter wurden dann bei uns im Spital angeleitet, wie sie ihr behindertes Kind fördern konnten. Fast dreissig Jahre war ich in Rhotia und zwar sehr gerne. Dass ich dort einmal mitten in der Nacht im Haus überfallen wurde, war für die Leute schlimmer als für mich. Sie konnten nicht verstehen, dass man eine alte Schwester im Nachthemd Zwei Bilder – ein Leben ausraubt und ihr auch noch das Buschmesser über den Kopf schlägt. Letztes Jahr entschieden Sr. Verona, die das Spital leitete und ich, im Herbst 2017 definitiv in die Schweiz heimzukehren und unsere Station den einheimischen Schwestern zu übergeben. Drei Wochen später starb Sr. Verona, ganz plötzlich. Wir alle standen unter Schock, die Ärzte, die Nursen, die Leute, und ich natürlich auch. Aber alle haben mir wunderbar geholfen. Wenn man eine grosse Beerdigung will, muss man in Rhotia sterben. Mehr als 1000 Leute waren da, alle haben getrauert, alle kamen zur Beerdigung und nachher natürlich auch zum Essen. Mein Abschied wurde ebenfalls ausgiebig gefeiert. Für das Abschiedsessen mit den vielen Leuten mussten sie eine Kuh metzgen, bei der Beerdigung von Sr. Verona schlachteten sie übrigens vier. Zuerst wurde ich in einer Aussenpfarrei verabschiedet, später im Spital und dann feierten wir noch Abschied in der Pfarrei Rhotia, über sechs Stunden lang. Zum Abschied schenkten mir die Leute einen Gehstock fürs Alter, aber mit den Frauen tanzen musste ich dann trotz meines Alters noch ein wenig. Auch eine spezielle Zeremonie mit Kuchen und einer ganzen gebratenen Geiss gehört in Rhotia dazu. Ich musste Kuchen und Geiss anschneiden und den Leuten um mich herum ein Stück Kuchen in den Mund schieben, und sie anschliessend mit einem Stück Geiss füttern. Dasselbe machten dann die Leute mit mir. Der liebe Gott hat es gut gemeint mit Sr. Verona, eine solche Abschiedsfeier hätte sie nicht ausgehalten. Sie ist nun im Himmel, und ich zurück im Mutterhaus in Baldegg. Auch das ist gut und richtig für mich. mrz Nach 59 Jahren ist Sr. Blasia Zihlmann zurück
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