baldeggerjournal

17 Aufgewachsen bin ich z’Oberegg. Auf der Foto sitze ich zwischen den Buben. Die Jüngste, s’Agathli, kam erst später auf die Welt, das war an einem Sonntagmittag. Der Vater sagte: «So, Mätle und Buebe, jetzt geht ihr in die Christenlehre.» Ich wandte ein: «Aber Vater, es ist ja noch viel zu früh.» Er antwortete: «Machet, dass er fort chömmed.» Wir mussten durch den Wald zur Kirche hinauf. Ich habe zurück geschaut und gesehen, dass der Vater aus dem Haus ging. Die beiden grösseren Geschwister schmunzelten nur. Sie wussten, was los war, Xaver und ich nicht. In der Kirche dachte ich immer, da stimmt etwas nicht. Wie der Pfarrer das letzte Amen sagte, bin ich schnell heim gesprungen, ohne auf die andern zu warten. Die Hebamme kam aus dem Haus und sagte: «Jetzt habt ihr ä Mäteli». Ich sagte sofort: «Weiss es d’Muetter?». Da kam der Vater. Ich schoss auf ihn los: «Du, Vater, hast du das gewusst, jetzt haben wir ä Mäteli?» Der Vater hat so gelacht, dass ihm d‘Prothese abä ghäit isch. Wir gingen ins Haus. In der Zaine lag ein ganz kleines Chindli und im Bett die Mutter. Ich sagte: «Ja, bitte Muetter, warum bist du im Bett? Am Mittag bist du doch noch gesund gshi». Sie zeigte auf das kleine Agathli. Dann kam der Xaver und sah das Hebammenköfferli: «So ä cheibe chlini Täsche, das arm Agathli hät ja chum Platz gha do inne.» So bin ich aufgewachsen. Zu den Baldegger Schwestern kam ich über eine Wallfahrt zum Bruder Klaus mit meiner Mutter und der Klostertante aus Amerika. Im Flüeli-Ranft trafen wir Baldegger Schwestern. Da habe ich es aus heiterem Himmel gespürt: Kreszentia – so hiess ich nämlich – du gehörst einmal zu diesen Schwestern. Flüeli-Ranft wurde später mein Ferienort. Jeweils am 1. August spiele ich dort mit meinem Muulörgeli, erzähle Witze, jodle, ruguusele oder schwinge Taler. Vor Jahren war Bundesrätin Calmy-Rey dort. Ihr erzählte ich auch einen Witz: Martin hatte Geburtstag. Er las gerne Bücher. Sein Grosi sagte: Martin, du kannst dir zum Geburtstag ein Buch wünschen. Wieviel es kostet, ist gleich‘. Martin überlegte wädli und sagte: «Du, Grosi, ich wünsche mir dein Sparbuch auf der Kantonalbank.» Da hat die Bundespräsidentin so gelacht, dass ich ihre Zähne bis zuhinterst zählen konnte. Ich könnte ein Buch schreiben über die Orte, wo ich im Einsatz war. So von den Studenten im Kollegi Appenzell und den Kapuzinern. Dort war ich von 1976 – 1998. Zwei Bilder – ein Leben Anfangs mussten wir den Studenten noch jeden Tag die Betten machen, den Patres sogar, bis das Kollegi aufgehoben wurde. In Kirchberg und Gontenbad habe ich im Heim den alten Leuten viel Freude machen können. Das ist ein Talent, das mir der liebe Gott geschenkt hat. Von 1957 an war ich zehn Jahre «Schlossdame» im Pfyffer Schloss von Altishofen. Wir Schwestern sorgten dort für die alten Leute. Im Schloss war eine uusäägelichi Armut. Ich staune noch heute, wie wir das durchgestanden haben. Schlafen mussten wir Schwestern miteinander im Rittersaal, jede in einer Ecke. Es war so bitterkalt, dass mich eines Morgens die Schwester nebenan weckte: «Du, geh in der Küche Wasser kochen, mein Biss ist im Zahnglas eingefroren und der Waschlappen dazu.» Einmal kam ein alter Mann heim mit einem ganz verschlagenen Gesicht, aus dem Brusttäschli schaute die halb leere Flasche Schnaps. Ich habe ihm das Blut weggewaschen. Da spukte er mir direkt ins Gesicht und fluchte mich an. Bei einem andern lief alles unten aus den Hosen. Ich führte ihn in die Waschküche, liess ihm die Hosen hinunter und spritzte ihn mit dem Schlauch ab. Das wäre im Badezimmer nicht gegangen. Die Waschküche war sehr gross, mit einem Steinboden und riesigen Holzzüber. Von Zeit zu Zeit kam der Meisterknecht und sagte: «So, jetzt müsst ihr alles aus der Waschküche herausräumen, wir müssen da drinnen eine Kuh metzgen.» Jaaa, so war’s. Ich habe einfach gedacht, das gehört halt dazu, das muss ich ertragen. Aber die Freude habe ich mir nie nehmen lassen. mrz Sr. Castilia Bischofberger bleibt eine Appenzeller Innerrhödlerin

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=