baldeggerjournal

17 Ich selber war ein behütetes Kind. Meine Schwester war elf Jahre älter als ich. Ich war die jüngste und immer die Kleinste. Als Kindergärtnerin erlebte ich es positiv, nicht so gross zu sein. Ich war schnell bei den Kindern unten. Das war ein Vorteil. Das sieht man auch auf dieser Foto. Das Bild ist übrigens vom Übungskindergarten Junkerwald in Baldegg. Heute sind das alles erwachsene Männer und Frauen. Kürzlich rief mir ein junger Mann im Wald zu: «Sr. Candida, kennen Sie mich nicht mehr? Ich war vor 32 Jahren bei Ihnen im Kindergarten. Das ist meine Frau und das mein Sohn.» Das ist der Beni, der oben rechts auf der Foto. Als einmal eine Kindergärtnerin mit einer Kinderschar an unserem Haus vorbei ging, dachte ich, so eine Kinderfrau möchte ich auch werden. Wenn in unserem Dorf ein Kind auf die Welt kam, bin ich fragen gegangen, ob ich mit dem Kleinen spazieren gehen dürfe. Einmal habe ich daheim auf dem Tisch ein dickes Portemonnaie gesehen und mir das viele Münz darin angeschaut. Ich lief zur Mutter und sagte: «Jetzt hast du soviel Geld da drinnen. Du könntest wohl noch einmal ein Chindli kaufen.» Die Mutter und meine Geschwister haben nur geschmunzelt. Als Kindergärtnerin war ich an einigen Orten im Einsatz: In Horw sieben Jahre mit 40 Kindern auf engstem Raum, fünf Jahre in Wangen, dreizehn in Zürich-Oerlikon und fünfzehn in Baldegg. Am besten hat es mir in Oerlikon gefallen, weil ich in der Pfarrei mitarbeiten durfte. Zuerst war es zwar schwierig, ich war nicht gewohnt in der Stadt zu leben. Aber dann erlebte ich viel Positives. Es war für mich jeweils schwer, wenn ich die Kinder in die Schule abgeben musste. Aber ich freute mich jedes Jahr auf die neue Kindergartengruppe. Natürlich auch auf jene, die zurückgestellt wurden und so ein zweites Jahr bei mir verbrachten. In Zürich-Oerlikon hat jeweils eine Kinderärztin den Schulreifetest mit den Kindern gemacht. «Andrea, wie viele Finger hast du an der Hand?», so hat sie eines meiner Kindergartenkinder gefragt. «Weiss ich nicht», war Andreas Antwort. «Das weisst du doch», fragte die Ärztin nach. Ihre Mama konnte es nicht glauben: «Andrea, du weisch doch genau wie viele Finger du an der Hand hast.» «Klar weiss ich das. Aber ich will doch nicht in die Schule.» So hat sie nochmals ein glückliches Kindergartenjahr erleben dürfen. Ich habe viel Schönes und oft auch Lustiges im Kindergarten erfahren. Die Freude an den Kindern, an ihren Aussagen und ihrer Fröhlichkeit überwogen alle Strapazen. Als ich mit den Kindern zum Thema «Bauernhof» einmal beim Melken einer Kuh zuschaute und wir darüber Zwei Bilder – ein Leben staunten, wie die Milch herausströmte, fragte ich: «Wer möchte etwas von dieser Milch trinken?» Es meldeten sich nur vier Kinder. Ein Mädchen sagte dann: «Weisst du, warum ich keine Milch will? Ich entgegnete ihr. «Du hast sie wohl nicht gern.» «Doch, doch, aber nur die richtige.» «Und was ist denn die richtige?» fragte ich zurück. «Hä, dänk die vo dr Migros.» Die Kinder zeigten mir auch spontan ihre Zuneigung. Ernstli bekannte einmal: «I wett au is Chloschter, aber nur i das, wo Sie sind.» Oder: Als ich mich einmal einer Operation unterziehen musste, erklärte ich den Kindern, dass ich nun ins Spital müsse. Der Doktor werde mir eine Spritze geben, damit ich fest schlafe und nichts von der Operation spüre. Darauf sagte Markus: «Ich tue ganz fescht für dich bäte, dass nüd ganz tot bisch, wenn verwach‘sch». Die Kinder beobachteten mich gut. Als die kleine Giuseppina, ein quicklebendiges Italienermädchen, wieder einmal – wie sie es häufig tat – von einem Tisch zum andern sprang, nahm ich sie energisch am Arm und setzte sie auf ihren Stuhl: «Jetzt bliib ämol do». Cornelia, ihr Gspänli, schaute mich an und sagte: «Bisch jetzt veruggt oder tuesch nur e so?» So schaue ich zufrieden und dankbar zurück auf die vierzig Jahre. Und wenn es ein zweites Leben gäbe, möchte ich wieder Kindegärtnerin werden. mrz Sr. Candida Irniger würde wieder Kindergärtnerin werden

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