17 Wie es damals war? Am Freitag hatten wir Diplomfeier und am Montag stand ich im Ops. Das war 1963. In Sursee hatten wir damals 90 Betten, 20 bis 30 Buschis, einen Chefarzt und zwei Assistenten. Das Kloster Baldegg führte das Spital auf eigene Rechnung. Chefarzt Dr. Burri war für alles zuständig: für Medizin, Chirurgie, Gynäkologie, die Kinderabteilung und die Notfälle. Er wohnte in der Nähe des Spitals, wir Schwestern zuoberst im Spital. Wenn nachts ein Notfall kam, mussten wir immer zirkeln, dass wir ihm nicht zu früh telefonierten. Wehe, wenn er auf den Notfall warten musste. Zur Sicherheit hielten wir Kreuzworträtsel bereit. Hie und da gönnte er sich eine Stunde auf seinem Ruderboot auf dem nahen See. Wenn es im Spital ein Problem gab, hängten wir auf einer bestimmten Terrasse ein Leintuch hinaus. Innert einer Viertelstunde war er zurück. Einmal ging er an ein Konzert. Da kam ein Notfall: Kaiserschnitt. Sr. Bernardina war Assistenzärztin. Sie sagte «Es pressiert.» Dr. Burri hatte sie vorher nie eine Ops machen lassen. Dann machten wir es einfach. Beim Zunähen streckte Dr. Burri schon den Kopf in den Ops und fragte «gut gegangen?». So kam Sr. Bernardina zu ihrem ersten Kaiserschnitt! Auch bei mir war es so: Dr. Burri sagte immer: «Heute machen wir Hauptprobe.» Aber er liess mich nie ausprobieren. Es musste alles schnell gehen. «Hü, hü, hü», hiess es. Ein Blinddarm war in zehn Minuten offen und wieder zu. Länger hatte er nie. Für einen Schenkelhals mussten wir mit allen sterilen Sachen ins «Röntgen» hinunterzügeln, weil man die grossen Röntgenapparate nicht transportieren konnte. Und der Hauswart musste dann jeweils mithelfen beim Ops, das Bein zu ziehen. So war es. Dr. Burri war ein ganz gerader Mensch. Für ihn war nichts eine Sensation. Alles konnte vorkommen. Aber sauber musste es sein: «Wenn es eitert, bist du schuld.» Überhaupt duzte er alle Leute, Patienten und Schwestern, er war sehr direkt. So konnte er bei der Visite sagen: «Du kannst aufstehen, du bist nicht krank, du bist nur operiert.» Die Leute hatten ihn gerne. Er lebte fürs Spital. Sieben Tage die Woche. Jeden Morgen ging er auf die Visite. Alle mussten mit, je mehr mitmarschierten, umso besser. Moralische Unterstützung nannte er es. Wenn wir traurig waren, weil bei einer Ops oder einer Geburt eine junge Mutter von Kindern starb, sagte er. «Der da oben hat es gemacht, ihr seid nicht schuld.Wir haben gemacht, was wir konnten.» Als er merkte, dass er selber Krebs hatte, arbeitete er einfach weiter. Eines Tages ging er ins Büro und sagte: «Ruft jetzt den von Aarau, ich kann nicht mehr». Und zog seinen Arztkittel aus. Dies war sein letzter Tag im Spital. Der in Aarau war Dr. Nietlispach. Wir kannten ihn von der Ablös. Auch er zog den Kittel aus und kam. So Zwei Bilder – ein Leben waren wir im Spital Sursee keinen Tag ohne Chef. «Nietli», wie wir ihn alle nannten, war der zweite Spitalarzt seit 1940. Dr. Burri der erste, 26 Jahre lang. Ich arbeitete auch gerne mit «Dr. Nietli». Übrigens, er ist auf der Foto links, ich schneide gerade die Nabelschnur des Neugebornen durch. Als wir ins neue Spital zügelten, sagte er bei allem: «Das brauchen wir nicht mehr.» Auch die zwei speziellen Haken, die wir für Schenkelhals-Ops benötigten, wollte er nicht mehr. Bei der ersten Schenkelhals-Ops im neuen Spital verlangte er sie und rief: «Ich will den Komfort vom alten Spital wieder!» Vieles war anders im neuen Spital. Wir kannten die Patienten nicht mehr, sie schliefen, wenn sie in den Ops kamen. Es kam dann die Gallenblase, der Magen, der Schenkelhals. Ich merkte, dass für mich die Zeit im Spital vorbei war. Der Weggang war leicht. Ich kam ins Bürgerheim Reidermoos. Da merkte ich, dass es doch nicht so leicht war. Das Haus war alt. Wenn man etwas ausleerte, lief es weg. So schräg waren die Böden. Und «die Manne»! Wenn einer in ein Lavabo spukte und ich ihn deswegen ansprach, sagte er: «für was händ er dänn die Cheibe?» In Hurden war ich am liebsten, 24 Jahre lang. Dort bei den Behinderten lernte ich am meisten. Sie sind so ehrlich, es ist nichts verstellt, sie sagen dir einfach, was sie denken. Das habe ich gerne. mrz Sr. Wendelina Schwegler im Ops im Spital Sursee
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