baldeggerjournal

17 Wann diese Klassenfoto entstanden ist? Das war in Kerns bei den Oberstufenmädchen, zwischen 1956 und 1965. Meinen Lebtag lang habe ich fast nur mit Kindern gearbeitet. Ich habe Kinder einfach gern. Und sie mich. Kinder merken alles. Einmal erklärte ich in einer Klasse zum dritten Mal den Dreisatz. Als dreiviertel der Klasse es immer noch falsch machte, wurde ich «verruckt». Das ist mein Temperament. Aber ich habe die Gnade, dass ich dann nicht ausrufe, sondern einfach blockiert bin. So sagte ich: «Ich gehe hinaus, bis ihr die Rechnungen richtig habt.» Als ich zurückkam, sagte eine Schülerin: «Schwester Angelika, Sie sind nicht hinausgegangen, weil wir die Rechnungen nicht konnten, sondern weil Sie «verruckt» waren.» Für mich hiess das, dass die Kinder keine Angst vor mir hatten. Lehrerin werden wollte ich nicht, aber Krankenschwester. Mama sagte, das geht nicht, dafür bist du gesundheitlich zu schwach. Nach neun Jahren Unterrichten in Kerns studierte ich in Fribourg Sozial- und Heilpädagogik, später noch Logopädie. Naturwissenschaften hätten mich zwar mehr interessiert. Aber voilà, das Kloster brauchte halt das andere. Meine Arbeit als Logopädin war streng, zeitweise hatte ich 60 Kinder pro Woche. Manchmal war ich so müde, dass ich in der Kapelle fast von der Bank fiel. Weil Kinder in der Therapie immer recht haben, fragte ich jeweils: «Du, ich habe nicht recht gehört, kannst du das noch einmal sagen?» Als ich zweimal nachfragte, sagte eines: «Du, ich glaub, du chas nüd lächt snölle und du ghöst niid guet.» Da wusste ich es. Mit Kindern komme ich leicht ins Gespräch. So fragte ich ein Kind, ob ich sein Bäbi in die Arme nehmen dürfe und begann mit dem Bäbi zu schwatzen. Da gab mir das Kind einen Puff und sagte: «Du, das isch dänn keis läbigs.» Als die «Chabiskopfbäbi» aufkamen, kaufte ich mehrere davon. Eines glich meiner Oberin Sr. Kunigunda: es hatte genauso mollige Hände und so dicke braune Haare wie sie. Also taufte ich die Puppe: Lulu, Marie, Kunigunda, Eugenie, Victoria, Helen. Der Name musste rhythmisch tönen. Wenn ein Kind alle Namen auswendig konnte, durfte es das Puppenkind heim in die Ferien nehmen. Meist wollten sie es mir nicht mehr zurückgeben. Einmal brachte ich einer Kartäuserkatze «das Lesen» bei. Ihr passte es nicht, dass Beni beim Lesen mit dem Finger den Buchstaben nachfahren musste. Also packte ich «Strizzi’s Töpli» und fuhr mit ihm den Buchstaben entlang. Die Katze drehte dabei immer schön den Kopf nach links und nach rechts. Nach einer Weile sagte ich: «So, «Strizzi», jetzt kommt der Beni dran.» Sie sprang aufs Kanapee und liess uns in Ruhe. Beni hatte eine schwere Legasthenie, kannte die Buchstaben, ihre Form, aber den Zwei Bilder – ein Leben Klang der Buchstaben nicht. Wenn er wütend wurde, haute er mit der Faust auf den Tisch und schrie: «Ich kenne dich, ich kenne dich, aber ich weiss nicht, wie du heissest.» Oft lachte ich auf den Stockzähnen. So fragte mich ein Mädchen: «Säg emol, bisch du au erdbebengeschädigt? Im Radio hat es geheissen, in Albanien hätten sie nach dem Erdbeben gar nichts mitnehmen können, nur das, was sie gerade angehabt hätten. Du hast immer den gleichen Rock an, die gleichen Strümpfe und die gleichen Schuhe. Deine Strümpfe werden sicher stinken. Der Rock würde mir noch gefallen. Könnte ich auch so einen kaufen?» «Ja», sagte ich: «Du kannst einmal an die Klosterpforte kommen. Frage einfach, ob wir deine Rocknummer haben.» Damit war die Sache wieder in Ordnung. Für Kinder hatte ich immer viel Verständnis. Vielleicht weil ich auch ein schwieriges Kind war. Jedenfalls war das die Meinung von Mama. Ich selber habe das nicht gewusst. Manchmal durfte ich mit, wenn sie auswärts ging. Ich meinte immer, sie nehme mich mit, weil ich brav sei. Als ich ins Kloster ging, liessen sie mir daheim meinen freien Willen. Papa sagte «ja, die chunnt wieder ume», Mama «die ist zu schwach», und meine Schwestern «die spinnt». Die Krisen kamen ja erst später. Es gab grosse und mittlere und kleine. Überstanden habe ich alle. Sr. Angelika Staubli liebt Kinder und Puppenkinder

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