baldeggerjournal

17 Das ist meine Professfoto mit den Eltern und den vier Brüdern. Da fällt mir ein, dass der Pfarrer bei meiner Taufanmeldung fand, Friederike sei kein guter katholischer Name. Er wollte meinen Papa überzeugen, dass er noch Maria, Theresia, Margrit oder Rita anfüge, das seien richtige Heilige. Aber mein Papa blieb fest: «Das gibt eine Frieda fertig, die andern Namen brauche ich für die nächsten Mädchen, ich will eine Stube voll davon». Stattdessen füllte sie sich mit Buben. Der Ottokar kam ein Jahr nach mir zur Welt, das ist der zweite von links, und im Jahr darauf war bereits der Franz da, der mit der wilden Frisur. Darauf besuchte uns der Grossonkel, er war Pfarrer im Fürstentum, und sagte: «Jedes Jahr ein Kind, das geht nicht. Wie wollt ihr die alle durchbringen?» So führte er meine Eltern mit Erfolg in die Familienplanung ein: der Hans kam erst 1956 auf die Welt. Leider gehörlos wie der Franz. Das ist der mit der Beatles Frisur. Als meine Mama vier Jahre später wieder in Erwartung war, mussten wir Kinder jeden Abend auf den Knien den Rosenkranz beten. Wenn wir nicht andächtig genug beteten, wurde ein zweiter angehängt. Der Grossonkel stellte die Pfarrei zum Beten an, damit meine Mama nicht noch ein drittes gehörloses Kind bekommt. Der kleine Spitzbub links aussen, der Christian, der kam Gott sei Dank gesund auf die Welt. Heute ist er, nebst mir, der grösste Redner und Erzähler in der Familie. Die beiden gehörlosen Buben haben erst in Hohenrain in der Gehörlosenschule reden gelernt. Umso mehr haben Christian und ich geredet. Das Erzählen und Reden haben wir wohl von unsern Grossvätern geerbt. Beide waren unerhört gute Unterhalter. Wenn der Schnee das enge Tal von Samnaun im Winter wie mit einem Märlikleid bedeckte, gingen unsere Grossväter oft am Abend ins Tirol, um dort Geschichten zu erzählen. Mama hätte unendlich gerne mehr Mädchen gehabt. Ich auch, damit sie mir bei den Frauenarbeiten geholfen hätten. Denn die Männer und Buben in Samnaun waren damals fast so wie ich sie heute in Papua Neuguinea erlebe: Die Frauen mussten alles machen. Darum gab es ein richtiges Drama, als ich ins Kloster wollte. Für Mama war klar, dass ich immer in Samnaun bleiben sollte und sie erwartete, dass ich später für sie und die gehörlosen Brüder sorge. Mein Vater verwöhnte mich. Für ihn war einfach wichtig, dass ich glücklich werde. Das ist so herausgekommen. Ich bin es wirklich. Im Kloster habe ich alles bekommen, was wichtig fürs Leben ist, Bildung und Erziehung. Zuerst musste ich aber anständig Deutsch sprechen lernen. Dann durfte ich die Ausbildung zur Erzieherin machen. Zwei Bilder – ein Leben Ich muss sagen: die Vorsehung wirkt phantastisch: sie führte mich aus der Männerwelt in Samnaun in eine neue Männerwelt in Papua Neuguinea. Die ist noch viel komplexer und komplizierter als jene daheim. Auf dem andern Bild bin ich dort wieder von lauter Männern umgeben! Derjenige, mit dem ich mich direkt austausche, ist ein ganz berühmter Krieger gewesen. Seit ich 1979 ins Land gekommen bin, habe ich vier gewaltige Sippenkämpfe miterlebt. Wir Schwestern haben unendlich viele Friedensgespräche mit den verfeindeten Männern gehalten. Mir kam zugute, dass ich geübt bin im Zuhören und Geschichten erzählen. Bei den Papuas kommt man mit Geschichten erzählen sowieso am weitesten. Samnaun war mir immer zu eng. Aber jetzt muss ich fast zu viel in der Welt herumreisen. Die Bischofskonferenz hat mich mit der Familienpastoral beauftragt. Schon interessant, jetzt unterrichte ich Familienplanung wie der Grossonkel! Weil ich das komplizierte Werk von Papst Johannes Paul II. über die Sexualität vereinfachte, musste ich das Seminar dazu nun auch in Australien, auf den Philippinen, in Hongkong und Kambodscha halten. Nächstes Jahr soll ich nach Japan und Korea. Dabei reise ich nicht einmal gerne. Aber zurück nach Papua Neuguinea fliege ich gerne. mrz Frieda Jenal aus Samnaun – Sr. Lorena in Papua Neuguinea

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