17 Ich gestehe, wenn ich am Morgen hier im Heim St. Antonius eintreffe, dann ist das erste, was ich mache, ans Fenster stehen und hinausschauen. Das motiviert mich einfach für den ganzen Tag. Um diesen Arbeitsplatz mit dem traumhaften Blick auf den See beneiden mich wirklich viele. Ich finde es schön, dass hier in dieser Gegend, wo so viele reiche Leute leben, auch behinderte Menschen wohnen dürfen. Eigentlich bin ich ja erst knapp zwei Monate hier im Heim St. Antonius als Heimleiter. Und doch habe ich schon am morgen das Gefühl, heimzukehren, wenn ich um sechs Uhr mit dem Velo vor dem Heim ankomme. Ich denke dann: Hei, für dieses Haus darf ich jetzt schauen. Hier darf ich dafür sorgen, dass es allen gut geht. Ich trage wirklich gerne Verantwortung, und ehrlich gesagt, ich bin auch gerne Chef. Es macht mir Freude zu organisieren und Neues zu verwirklichen. Es gefällt mir, meine Kraft einsetzen zu dürfen für Menschen mit einem Handicap und gleichzeitig die Verantwortung zu haben. Das habe ich gerade heute wieder morgen gedacht, als ich mit Sr. Marina bis zehn Uhr einen Patienten gebadet habe. Schon sehr eindrücklich zu realisieren, wie hilflos ein Mensch ist, bei dem nichts mehr von alleine geht. Da kannst du noch lange sagen: vorwärts. Aber wenn nichts mehr geht, ein Lächeln, das geht noch. Das habe ich heute beim Baden von Theo erlebt. Ehrlich gesagt, ich könnte diese Arbeit – so nah beim Behinderten – nicht wirklich jeden Tag tun. Weil ich als ehemaliger Gemeindeschreiber ein Quereinsteiger bin, will ich die Arbeit meiner Mitarbeitenden genau kennen lernen. Unglaublich, ich habe in den letzten paar Tagen, wo ich auf jeder Abteilung je einen Tag voll mitarbeitete, mehr gelernt, als wenn ich zwanzig Bücher gelesen hätte. Meine Mitarbeitenden freuen sich übrigens, dass ich ihre Arbeit kennen lernen will. Es ist mir schon wichtig, dass ich weiss, wovon die Mitarbeitenden sprechen. Also zum Beispiel, wenn sie von der Schicht reden oder was bei der Nachtwache abläuft. Bisher habe ich immer gedacht: Ja, ja, die warten einfach bis das Nachtglöckli läutet. Aber heute morgen im Rapport – ich war ja sozusagen als Hilfspfleger dabei – habe ich realisiert, was so in einer durchschnittlichen Nacht passiert. Eindrücklich. Da muss einer erbrechen, der andere hat Angst, usw. In der Küche war ich auch schon, und im Hausdienst mit den flinken Frauen ebenfalls. Die machen das jobs@klosterbaldegg.ch übrigens wirklich gut. Ich habe mit ihnen Zimmer geputzt. Jetzt weiss ich, dass man nicht den gleichen Lappen nehmen darf für das WC und das Brünneli. Früher habe ich auch etwa gedacht: ja, was ist das schon, Haushalten? Aber diese Meinung habe ich jetzt gründlich geändert. Es hat sich dann wirklich so ergeben, dass ich am letzten Sonntagmorgen daheim auch einmal staubsaugerte. Ich meine, das sei das erste Mal gewesen. Aber es ist schon so, meine Frau wird mich auch in Zukunft für solche Sachen fragen müssen, allein komme ich nicht auf die Idee. Bei der Gemeinde hatte ich sozusagen «9000 Aktionäre», und es war unmöglich, es allen recht zu machen. Hier im Schwerstbehindertenheim kann ich mit etwas ganz Kleinem ein grosse Freude bereiten. Da muss ich richtig umlernen. Früher, wenn jemand etwas von mir wollte, war meine Antwort oft geschäftig: «Du, ich habe jetzt keine Zeit, ich habe um 14.00 Uhr Sitzung.» Das geht hier bei den Behinderten definitiv nicht. Wenn sie mich ansprechen, dann weiss ich, jetzt muss ich stehen bleiben. Vielleicht nur für einen Händedruck, ein Streicheln oder ein paar liebe Worte. Keine Zeit haben, das geht bei den Behinderten einfach nicht, das habe ich schon gelernt. Unser Heim ist übrigens ein sehr humorvolles Haus. Ich weiss nicht, wann ich in der Vergangenheit je so viel und so herzhaft gelacht habe, wie ich es in den vergangenen Wochen tat. Es gibt so viele lustige Momente mit den Behinderten. Sie sagen einander und uns offen und unverstellt, was sie denken. Ich kann überhaupt sagen: ich habe in diesen ersten Wochen nur schöne Erlebnisse gehabt. Ich bin so herzlich aufgenommen worden von allen, den Behinderten, den Mitarbeitenden und den Schwestern. Es ist aber nicht so, dass ich in den 33 Jahren bei der Gemeinde nicht glücklich gewesen wäre. Aber ich habe noch keine Sekunde meinen Entscheid bedauert. Wenn ich am Abend beim Gemeindehaus vorbeifahre, dann denke ich höchstens: «Aha, die haben jetzt Gemeinderatssitzung.» Oder am Morgen «Do hät wieder öpper am Obig s’Liecht nüd abglöscht i dä Sitzigszimmer.» Aber das ist dann auch schon alles! . jobs. Beat Abegg kehrt jetzt morgens und abends heim
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