Wasser Agenda 21 / Strukturierungsmassnahmen

42/71 8 Baustoffe Bei der Materialwahl für die Strukturen sollte grundsätzlich der Gewässercharakter im Vordergrund stehen. Hierzu ist es notwendig, sich am Naturzustand bzw. an den lokalen Gegebenheiten zu orientieren. Die Wahl der Baustoffe bzw. die Materialisierung der Struktur hat aber auch einen Einfluss auf die ökologische Wirkung wie auch auf die Lebensdauer einer Struktur. So sind angeströmte Totholzstrukturen grundsätzlich dynamischer, bieten ein besseres Deckungsangebot und halten mehr organisches Material zurück als Strukturen aus Blockstein. Dadurch wird die ökologische Wirkung bezüglich Strukturkomplexität, Deckungsangebot, aquatischer Nahrungskette und Verdunstungs-/Kühlungseffekt gesteigert. Demgegenüber sind Steinstrukturen i.d.R. langlebiger als Strukturen aus organischem Material. Ebenfalls lassen sich aus Blocksteinen exaktere Geometrien erstellen, wodurch sich Vorzüge im wasserbaulichen Einsatz, z.B. hinsichtlich der Berechnung ihrer hydraulischen Wirkung oder bei der Prognose der strömungslenkenden Wirkung, ergeben können. Die Lebensdauer hölzerner Strukturen kann sehr unterschiedlich ausfallen. Sie ist u.a. abhängig von folgenden Faktoren. Je feingliedriger eine Holzstruktur ist (z.B. Äste mit geringem Durchmesser), desto schneller zersetzt sie sich (wenige Monate bis Jahre). Stammholzstrukturen mit grossem Durchmesser sind wesentlich dauerhafter. Die Dauerhaftigkeit stets untergetauchter Holzstrukturen ist sehr lange, während sich an der Luft befindende Strukturen oder Strukturteile vergleichsweise eher schnell zersetzen. Am anfälligsten auf Zersetzung ist Holz, das sich in der wechselfeuchten Zone (Nieder- / Mittelwasserspiegel) befindet. Grössere Totholzstrukturen können je nach Rahmenbedingungen durch Schwemmholzakkumulation (Schaffung einer Verschleissschicht) und Gehölzaufwuchs (Durchwurzelung der sich zersetzenden Struktur) langfristig eine Selbsterneuerung und damit eine sehr hohe Lebensdauer erreichen. Die Lebensdauer ist ausserdem abhängig von der Abfluss- und Geschiebedynamik des Gewässers bzw. deren Krafteinwirkung auf die Strukturen, z.B. von der Abrasion durch Geschiebe oder Treibeis und von mechanischer Beschädigung. Was die Auswahl des Totholzes betrifft, ist es wichtig, geeignete, möglichst autochtone Baumarten zu wählen. Die Bäume unterscheiden sich in Bezug auf die Holzdichte, die Morphologie und die Dauerhaftigkeit. Darüber hinaus ist das Holz selbst eine Nahrungsquelle für die aquatische Fauna. Wenn das Holz nass wird, fördert es die Freisetzung von organischem Kohlenstoff und Stickstoff. Darüber hinaus erhöht die anschliessende Zersetzung nach der Wiederbefeuchtung und die mikrobielle Konditionierung der Holzoberflächenschichten deren Proteingehalt. Das ermöglicht es den wirbellosen Wasserlebewesen, ausreichend Stickstoff und andere Nährstoffe zu erhalten, um ihren Lebenszyklus - insbesondere innerhalb der primären und höheren trophischen Ebenen - zu vollenden, was die Dynamik des Nahrungsnetzes im Allgemeinen fördert (Shumilova et al., 2019). Auch punkto Ressourceneinsatz und Nachhaltigkeit zeigen sich Unterschiede: Am deutlichsten wird dies bei einem beispielhaften Vergleich zwischen lokal gewonnenem Holz (nachwachsende Ressource, kürzerer Transportweg, Vermeidung der Einschleppung von gebietsfremden Organismen) und überregional beschafften Blocksteinen (nicht nachwachsende Ressource, längerer Transportweg). Andererseits kann die Wiederverwendung lokaler Blocksteine ggf. sogar nachhaltiger sein als Holz, wenn letzteres von weit her geliefert werden muss. Zusätzlich zum Ziel der Gerinnestrukturierung kann es je nach Projekt auch weitere Ansprüche an die Einbauten geben, die bei der Wahl der Baustoffe zu berücksichtigen sind. Hervorzuheben sind insbesondere Ansprüche an Sohlen- und/oder Böschungsstabilisierung. Wo zusätzliche Ansprüche an die Sohlen- oder Böschungsstabilisierung bestehen, wird aufgrund des weit verbreiteten Totholzdefizits empfohlen, den Einsatz von geeigneten hölzernen Bautypen bzw. ingenieurbiologischen Sohlen- und Böschungsstabilisierungen zu prüfen. Je nach Rahmenbedingungen kann aber durchaus auch die Schaffung langlebiger Sohlenfixpunkte mit Bautypen aus Blockstein zielführend sein (z.B. Querriegel, Lenkbuhnen o.ä.), die ebenfalls eine wertvolle Strukturierung schaffen können. Auch Kombinationen aus Blockstein und Holz, wie die nachfolgend aufgeführten Beispiele, haben sich bewährt: − Wurzelstammschwellen mit Blocksteinen als Anker und Kolkschutz (auch bei sehr steilen Bachgerinnen möglich).

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