baldeggerjournal

7 zu einer schöpferischen Kraft, die den Menschen beflügelt, gegebene Missstände durch die Aktivierung aller vorhandenen Potentiale zu überwinden. Bei alledem stellt sich aber gleich die Frage, ob eine starke Betonung der Hoffnung nicht auch zu der trügerischen Utopie führe, dass alles machbar sei. Verleitet Hoffnung den Menschen etwa zur Selbstüberschätzung, zum Verdrängen von Problemen, zum Verlust von Realitätssinn oder zu waghalsigen Projekten? Um solches zu vermeiden, muss auch das Bangen ernst genommen werden. Risiken und Gefahren sollen erkannt und abgewogen werden. Gleichzeitig gilt es aber, offen zu bleiben für neue, hoffnungsvolle Perspektiven. Dabei gilt es als erstes, einer schwierigen Lage kritisch ins Auge zu sehen. Wie wird die Situation wahrgenommen, was an ihr ist Realität und was reines Wunschdenken? Wie weit sind Ängste und Zweifel berechtigt? Erst durch solches Fragen wird erkennbar, welche Gegebenheiten unabänderlich sind, und wo sich durch veränderte Konstellationen neue vielversprechende Möglichkeiten eröffnen. Der utopische Charakter der Hoffnung macht nicht Vorstellbares vorstellbar und ist damit der erste Schritt zur Verwirklichung eines Projekts. Hoffnung wartet also nicht nur passiv ab. Sie ermutigt vielmehr, in Grenzbereiche und unerforschte Dimensionen vorzustossen. Sie beflügelt die menschlichen Fähigkeiten und wird zum Katalysator für brachliegende Potentiale. Dies nicht nur auf individueller, sondern auch auf kollektiver Ebene. Dank der Hoffnung nämlich wird es möglich, Bangen und Ängste zu überwinden. Damit werden neue Kräfte frei, die es ermöglichen, über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen. Es wird möglich, das Nochnicht-da-Seiende Wirklichkeit werden zu lassen: Ein besseres und sinnvolleres Leben, eine gerechtere und friedvollere Welt, und ebenso eine neue, auf den Dienst am Menschen ausgerichtete Art des Kirche-Seins. Die gleichen psychischen Mechanismen nämlich, die auf profaner Ebene wirksam sind, werden aktiv auch im Rahmen religiöser Hoffnung. Diese wieder in ihrer richtigen Form zu entdecken, erweist sich als fundamental in einer Zeit, die durch Klimawandel, Umweltzerstörung, ein System des unbeschränkten Wirtschafts-Wachstums und auch durch eine krisengebeutelte Kirche in Gefahr gerät, jede Zukunftshoffnung zu verlieren. In der Vergangenheit und zum Teil bis heute, wurde und wird spirituell fundamentierte Hoffnung von vielen vorwiegend verstanden als passives Warten auf das Wirken eines Schicksals, einer übersinnlichen Macht oder eben eines Gottes. Der religiöse Mensch wendet sich angesichts eines Problems an Gott und erwartet dann hoffnungsvoll, dass dieser Gott eingreife und das Problem löse, im Idealfall selbst durch ein Wunder. Solche Haltung aber ist weit entfernt von dem, was die biblischen Texte unter Hoffnung verstehen. In ihnen erscheint Hoffnung als kreativ wirksamer Antrieb zur aktiven Veränderung. Die Hoffnung auf den getreuen Gott wird verstanden als dynamischer Impuls für das eigene Handeln; dies vor allem dann, wenn im Augenblick nichts darauf hinweist, dass das Handeln Erfolg haben werde. In solcher Situation wird die Hoffnung zum Motor, gegründet auf dem Vertrauen darauf, dass dieses Handeln unterstützt werde von Gott und darum zum Erfolg führe. Aus solcher Hoffung heraus haben die ersten Christen sich den Ansprüchen des heidnischen römischen Imperiums entgegengestellt. Und sie haben es geschafft, ein Weltreich zu verändern. Die Kraft für solches Tun aber schöpften sie aus der Hoffnung auf jenen Gott, der in seiner Manifestation als Mensch verkündet hatte, dass das Gottesreich schon begonnen habe. In den Strukturen ihrer Zeit deutete zwar nichts auf einen solchen Beginn hin. Basierend aber auf der Hoffnung, dass die Worte Jesu wahr seien, begannen die Christen eine neue Art des Lebens. Diese basierte auf der Überzeugung, dass sie es seien, die als Werkzeuge Gottes berufen wurden, die Aussage ihres Meisters Wirklichkeit werden zu lassen. Getragen von der Hoffnung darauf, die von ihm aufgezeigte neue Welt erleben zu können, machten sie sich ans Werk. Genau dies ist es, was die Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu auch in der Gegenwart tun sollten. Denn was zur Zeit der Cäsaren möglich war, ist es auch heute: Der hoffnungsvolle Aufbruch zum Aufbau einer neuen Welt, einer neuen Gesellschaft und auch einer neuen Art des Kirche-Seins. Die Basis für diesen Aufbruch liegt in der Überzeugung, dass das von Jesus angesagte Gottesreich durch das Handeln der Nachfolger Jesu schon begonnen hat, sich zu formieren. Angesichts solcher Überzeugung wird jedes Bangen vor Gegenwart oder Zukunft überwunden. «Statt dessen werden Christinnen und Christen auf der Basis ihrer Hoffnung wieder zu Ferment in der Gesellschaft (Mt 13,33), zu Salz der Erde (Mt 5,13), zur Stadt auf dem Berg und zu Licht für die Welt (Mt 5,14).»1 1Vgl. Renold Blank, Escatoligia do mundo, São Paulo 20165, S.233

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